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Künasts Job
Von Brigitte Stein, Frankfurt a. Main

Gut war die Stimmung der Öko-Branche bei der Biofach, der Weltfachmesse für Naturkost und Naturwaren Ende vergangener Woche in Nürnberg. Diese Messe kann auf ein stetiges Wachstum bei Ausstellern und Besuchern zurückblicken - unabhängig vom Veranstaltungsort. Und nun verspürt die Branche sogar politischen Rückenwind: Die Bundeslandwirtschaftsministerin, der Bauernverbandspräsident und der Bayerische Landwirtschaftsminister fanden sich ein. Die politischen Zielvorgaben wurden nochmals festgeklopft: 20 Prozent Öko-Landbau in zehn Jahren und ein einheitliches, verbraucherfreundliches Öko-Siegel in Kürze.

Doch nicht überall war blanker Optimismus zu verspüren. Kurz vor der Messe hatten die beiden größten Öko-Anbauverbände ihrem Dachverband, der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Landbau (Agöl), den Rücken gekehrt. Dieses Ereignis wurde sehr unterschiedlich bewertet: Von Befreiung und Erleichterung war ebenso die Rede wie von Separatismus und Schaden für die Bewegung.

Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast äußerte Bedauern: Sie hätte bei der Entscheidung für ein einheitliches Öko-Siegel lieber einen Verbandsvertreter, der für alle spricht, als Berater gehabt. Nun muss sie sich mit unterschiedlichen Verbänden auseinander setzen. Doch das schadet nicht. Dadurch ist lediglich die Vielfalt der Entscheidungen, die mit einem solchen Siegel verbunden sind, augenfälliger geworden. Das niedrigste und kostengünstigste Niveau wäre das EU-Siegel, von dem sich dann die Zeichen der deutschen Anbauverbände weiterhin als Markenzeichen abheben könnten. Möglich wäre auch das doch nicht mehr ganz unbekannte Öko-Prüfzeichen, dem bislang vor allem Geld und politische Unterstützung fehlten. Oder soll ein ganz neues Wunderkind aus der Taufe gehoben werden?

Zu entscheiden ist auch, ob das Zeichen rein unter staatliche Kontrolle gestellt werden soll. Dazu müsste die staatliche Lebensmittelkontrolle stark ausgedehnt werden, um das Vertrauen der Verbraucher zu rechtfertigen. Die andere Lösung hieße, die bereits funktionierende privatwirtschaftliche Kontrolle zu erhalten, die sich dem wachsenden Kontrollbedarf leicht anpassen könnte. Schließlich ist noch zu klären, wer an einer Weiterentwicklung der Kriterien und Standards arbeiten will und darf - der Staat oder die Privatwirtschaft? Die Entscheidung für den Staat würde bedeuten, die Kriterien dem Wechselspiel der regierenden Parteien anzuvertrauen. Die Privatwirtschaft hingegen, repräsentiert unter anderem durch die Verbände, zeichnet sich zwar nicht gerade durch Einstimmigkeit aus, doch ist ein stetiges Ringen um Qualitätsverbesserungen für sie von existenziellem Interesse. Denn nur so lässt sich langfristig das Vertrauen der Verbraucher sichern.

Renate Künast steht vor einer komplexen Entscheidung. Wer aber einen Fortschritt für den Öko-Landbau und ein Öko-Siegel zügig durchsetzen will, muss sich mit allen Facetten der Argumentation auseinander setzen. Das ist ihr Job.


 
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