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Kippe
Von Bernd Springer, Frankfurt am Main

Das Image der Futtermittelindustrie ist am Boden. Zu sehr blieben Vorwürfe, die auch innerhalb der Agrarbranche anlässlich der BSE-Krise gemacht wurden, an ihr hängen. Dabei gereichte der Mischfutterindustrie zum Nachteil, dass sie bisher ihre Aufgabe still, leise und im Hintergrund verrichtet hat - zumindest, was Öffentlichkeit und Medien betrifft. Für die Gesetzgebung und Verwaltung war diese Branche dagegen schon immer ein verlässlicher Partner. Das geltende Futtermittelrecht ist dadurch viel durchdachter, eindeutiger, nachvollziehbarer und kontrollierbarer ausgefallen als viele andere Regelungswerke auf nationaler und EU-Ebene - einschließlich des Lebensmittelrechts.

So ist es nachvollziehbar, dass sich die Hersteller von Mischfutter - dem wichtigsten Betriebsmittel in der Landwirtschaft - zu Unrecht von der Öffentlichkeit, den Medien und auch der Landwirtschaft in die Enge getrieben fühlen. Erklärungen, man habe sich immer gesetzeskonform verhalten, relativieren die Vorwürfe zwar, werden aber im öffentlichen Urteil durch einzelne nachgewiesene Fälle von technischen Fehlern oder menschlichem Versehen neutralisiert. Wie soll auch argumentiert werden, wenn zum Einen den Verbrauchern die Bedeutung und Arbeitsweise der Mischfutterherstellung unbekannt ist? Und zum anderen geben sowohl der bisher bestens involvierte Gesetzgeber als auch die Nutznießer preiswerter arbeitsteiliger Futterherstellung - die Landwirte - keinerlei Rückendeckung, sondern fördern ihrerseits die Sündenbockrolle der Mischfutterindustrie. Dubiose Ankündigungen von Schadenersatzklagen durch Landwirtegruppen und den Bauernverband mit Hilfe von Rechtsanwälten mit markant klingenden Namen entlarven Absichtserklärungen, gemeinsam den Weg aus der Krise zu gehen, als Lippenbekenntnisse. Damit kreisen Vorwürfe auf einer neuen Ebene, ohne betroffenen Landwirten wirklich benötigte Hilfe und Unterstützung zu verschaffen.

Die Mischfutterindustrie ihrerseits sucht den Ausweg aus dem Imageschaden in der "gläsernen Produktion". Viel verborgen war ohnehin nicht. 80 Prozent der Unternehmen sind ISO-zertifiziert und die Offenlegung der Rezeptur gegenüber dem Kunden auf Nachfrage eine Selbstverständlichkeit. Um eine tatsächliche Entwicklung zu demonstrieren und den öffentlichen Emotionen entgegen zu kommen, werden die Hersteller nach der Empfehlung des Verbandes nun offen - alle Einzelfuttermittel in absteigender Reihenfolge - deklarieren. Zusätzlich fordert der Verband vom Gesetzgeber eine Positivliste der einsetzbaren Futtermittel. Damit befindet sich die Branche allerdings auf der Kippe zwischen Erfüllung öffentlicher Forderungen und vorauseilendem Gehorsam. Denn noch kurz vor dem ersten deutschen BSE-Fall wurden Vorstöße in Richtung offener Deklaration und Positivliste als indiskutabel abgewiesen, weil sie die Branche zu sehr einengen würden, ohne gleichzeitig den Verbraucherschutz zu erhöhen. Aber zu verlieren gibt es nichts und ein deutliches Signal geht von der jetzigen Haltung allemal aus. Wenn es richtig verstanden wird, gibt es auch wieder Platz für fundierte Sacharbeit - gemeinsam mit den Vertretern von Gesetzgeber und Landwirten.


 
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