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Denkfehler

Von Horst Hermannsen, München

Die Land- und Ernährungswirtschaft als Müllabladeplatz! Ein Umstand, der durch "Kadavermehl" im Tierfutter ins Bewusstsein gerückt ist. Lange wurde auch das Thema "Klärschlamm-Düngung" schamhaft unter den Teppich gekehrt. Die Gewässer in Deutschland sind heute wieder fast so sauber wie vor dem Industriezeitalter. Dafür sorgen die Kläranlagen. Ihre Hinterlassenschaft: 3 Mio. t Schlamm. Er bildet ein Depot für Rückstände aus von Menschen und Tieren ausgeschiedenen Pharmazeutika - darunter Hormonpräparate - sowie Keime, Viren, Bakterien, Parasiten und Pilze. Dazu kommt ein unbeschreibliches Gemisch aus Chemikalien und Schwermetallen. Alles in hochkonzentrierter Form. Was als problematischer Sondermüll behandelt werden müsste, dient Landwirten, die sich ihr ökologisches Gewissen abkaufen lassen, als Dünger. Damit sind die Schadstoffe auf dem Acker und können dort wieder in den Nahrungskreislauf gelangen.

Mit dem Begriff "Panikmache" reagieren Klärwerksbetreiber auf entsprechende Vorwürfe. Vor allem Politiker verweisen auf geltende Verordnungen und versteigen sich zu verbalen Sicherheitsgarantien für Klärschlamm. Tatsache bleibt: Was in Nord- und Ostsee seit Jahren aus ökologischen Gründen nicht mehr verklappt werden darf, ist als Dünger auf Feldern statthaft. Dass es für einige bekannte Schadstoffe Grenzwerte gibt, versteht sich von selbst. Eine Überprüfung ist in der Praxis aber eine Lachnummer und angesichts der nicht zu erahnenden Stoffpalette kaum möglich. Dies weiß der Gesetzgeber und hat deshalb die Ausbringung des "Horrorcocktails" auf Obst- und Gemüseflächen ebenso verboten wie auf Uferrandstreifen sowie in Natur- und Wasserschutzgebieten.

Ungeachtet der unkalkulierbaren Risiken findet ausgerechnet der Bund Naturschutz in Bayern Gefallen an der landwirtschaftlichen Schlammverwertung. Die institutionalisierten Naturschützer fasziniert das Prinzip des scheinbar geschlossenen Stoffkreislaufs. Hier liegt aber ein Denkfehler vor. Die Summe menschlicher Ausscheidungen wird heute konzentriert auf die Äcker weniger Landwirte ausgebracht, die dies aus Unkenntnis, Ignoranz, vor allem jedoch Profitgier zulassen. Es werden somit keine Kreisläufe geschlossen, sondern hochkonzentrierte Schadstoffe großflächig verbreitet. Besonders perfide ist es, wenn Landwirte die gepachteten Flächen mit Schlamm düngen, ihre eigenen Felder davon aber frei halten.

Was muss geschehen, bis Getreideverarbeiter endlich Landwirte und Handel dazu zwingen, nur Rohstoffe von Feldern zu liefern, die nicht mit dem riskanten Schlamm belastet sind? Wenn Müller, Mälzer und andere zu schwach sind, dies durchzusetzen, dann sollten Bäcker und Brauer die Sache in die Hand nehmen. "Wer Probleme großen Ausmaßes erst angeht, wenn sie akut geworden sind, der lernt nur pathologisch." Diese Aussage von Andreas Troge, dem Präsidenten des Umweltbundesamtes, sollte als Aufforderung verstanden werden.
 
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