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Verluste

Von Horst Hermannsen, München

Der "Tanz in den Mai" ist am Markt für hochproteinreichen Qualitätsweizen nicht gerade schwungvoll verlaufen. Schon seit Monaten kommt das Geschäft nicht von der Stelle. Wenn es überhaupt nennenswerte Bewegungen bei den Notierungen gibt, dann deutet die Richtung meist nach unten. Bundesweit spitzt sich die Situation für Landwirte und Händler, die noch über größere unverkaufte Bestände etwa an E- und A-Weizen mit einem Rohproteingehalt von deutlich mehr als 13 Prozent verfügen, zu. Ungünstiger als gegenwärtig kann die Konstellation kaum sein. Das Ende des Wirtschaftsjahres ist in Sicht und eine wirklich nachhaltige Belebung des regionalen und überregionalen Absatzes wird immer unwahrscheinlicher.

Für etliche Beobachter kam die Schwäche des Marktes nicht überraschend. Unter anderem der reichliche Import von hochwertigem Drittlandsweizen in die wichtigsten Abnehmerländer der EU konnte nicht ohne Auswirkungen auf die hiesigen Absatzmöglichkeiten und auf die Preisentwicklung bleiben. Speziell in Bayern, aber auch in Teilen Baden-Württembergs sorgten zudem ungenügende Fallzahlen für erhebliche Probleme. Erstaunlich ist allerdings der Umstand, dass mittlerweile Partien auf den Markt kommen, die auch hinsichtlich der Fallzahl durchaus zufrieden stellend sind. Zu spät! Der klassische Absatzmarkt in Italien, aber auch in den Benelux-Staaten ist nur noch sehr bedingt aufnahmefähig. Wer etwas verkaufen muss, hat jetzt das Nachsehen. Er wird mittlerweile mit Geboten konfrontiert, die hart die Preislinie für herkömmlichen Normalweizen streifen. Ein wahrlich schlechtes Geschäft, vor allem dann, wenn noch vor Kurzem den Landwirten überhöhte Auszahlungspreise geboten wurden. Die Handelstaktik, "ich gönne meinem Konkurrenten nichts, nicht einmal die Verluste", könnte vor diesem Hintergrund aufgehen.

Für Landwirte, die sich auf das glatte Parkett der Spekulation begeben haben und ihren E-Weizen im vergangenen Herbst vor dem Markt wegsperrten, wird es jetzt eng. Die Erfasser werden nur noch in wenigen Ausnahmefällen Qualitätsprämien zahlen. Der Weizen muss bereits mit entsprechenden Aufschlägen weiterverkauft sein, sonst verliert der Handel Geld. Ohnedies wird ein finanzieller Verlust für etliche Handelsunternehmen, die beim Qualitätsweizen unkalkulierbare Risiken eingegangen sind, mehr und mehr zur traurigen Gewissheit. Für den einen dürfte das ein heilsamer Schock sein, für den anderen aber kann es auch rasch an die Substanz gehen.

Weizen ist und bleibt grundsätzlich in der Europäischen Union ein Überschussprodukt. Spekulationen werden zunehmend riskanter und sind in großem Umfang kaum noch zu verantworten. Die wirkliche Leistungsfähigkeit von Unternehmen ist nicht an kurzfristig überhöhten Erzeugerpreisen zu erkennen, sondern an einer möglichst langlebigen Stabilität der Firmen. Davon und nur davon profitieren auch die Landwirte am nachhaltigsten.
 
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