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Chaos

Von Dagmar Hofnagel, Bad Kreuznach

Seit Ende April gibt es an der Frankfurter Getreide- und Produktenbörse keine Eiernotierung mehr, seit Anfang Mai wird auch kein Getreide mehr gemeldet. Während diese Börse in der Vergangenheit mehr durch vornehme Zurückhaltung denn durch konkrete Aktivitäten auffiel, hat es in den vergangenen Wochen in den Reihen der Mitglieder umso mehr gebrodelt.

Einig waren sich Mitglieder und Syndikus noch darüber, dass gegen die allgemeine Untätigkeit etwas unternommen werden musste. Gespräche mit Vertretern des Südwestdeutschen Warenbörsenvereins über eine professionelle Zusammenarbeit, wie sie zwischen den Plätzen Mannheim und Stuttgart bereits erfolgreich praktiziert wird, fielen jedoch in Frankfurt nicht auf fruchtbaren Boden. Lediglich die Mitglieder aus der Getreide- und Futtermittelbranche sprachen sich für eine Zusammenarbeit aus. Die Vertreter der Eier- und Heizölbranche waren dagegen. Danach brach in Frankfurt eine rege Betriebsamkeit aus. Der Syndikus veranlasste, dass der Vorstand nach mehreren überfälligen Jahren wieder einmal gewählt wurde. Die alte noch existierende Börsenordnung sollte entrümpelt werden. Neue, dem aktuellen Kartellrecht angepasste Statuten wurden den Mitgliedern zur Abstimmung vorgelegt. Die Notierungskommissionen für die einzelnen Bereiche sollten neu zusammengestellt werden. Üblicherweise werden die Mitglieder von erfahrenen Fachleuten berufen. Nicht so in Frankfurt. Hier sollten die potenziellen Mitglieder für die Notierungskommission für Eier von allen Mitgliedern der Börse - auch den Nichtfachleuten aus dem Bereich Heizöl und Getreide - demokratisch mehrheitlich gewählt werden. Eine Mehrheit konnte jedoch keiner der Kandidaten erzielen. Seitdem existiert in Frankfurt keine Notierungskommission für Eier mehr. Die erneuerten Statuten sind zudem umstritten und wurden von den Mitgliedern nicht einstimmig verabschiedet. Zweifel an der Rechtmäßigkeit wurden laut. So standen dann für die Notierungskommission für Getreide lediglich zwei Vertreter zur Verfügung, weil sich drei weitere Fachleute aus Unmut über diese Verhältnisse nicht aufstellen ließen. Derzeit gibt es keine Preismeldungen.

Über die weitere Zukunft der Frankfurter Börse ist noch nicht entschieden. Noch hat kein Mitglied seine Kündigung eingereicht. Wesentliche Vertreter der Getreidebranche ersuchen jedoch um Aufnahme in der Mannheimer Notierung für den Platz Frankfurt/Hanau. In Frankfurt selbst soll nach anderen Marktteilnehmern für eine Getreidenotierung gesucht werden. In Zeiten geringerer Unternehmenszahl auf Grund zunehmender Konzentration dürfte dies ein schwieriges Unterfangen werden. Die regionalen Börsen müssen in Zeiten von Globalisierung, E-Commerce und anderen modernen Kommunikationsmöglichkeiten mitunter um ihre Existenzberechtigung kämpfen. Frankfurt bietet nicht gerade ein rühmliches Beispiel dafür, dass regionale Börsen auch heute noch ihre Daseinsberechtigung haben.
 
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