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Mühlsteine

Von Horst Hermannsen, München

Als Letztes stirbt die Hoffnung. Unter diesem Motto könnte die gegenwärtige Situation bei etlichen deutschen Fleischkonzernen stehen. Trotz gigantischer Schuldenberge und maßloser Überkapazitäten freuen sich der Vorstand der Moksel AG, aber auch die genossenschaftliche Konkurrenz, über die künftige wirtschaftliche Entwicklung. Soweit die wackeren Geschäftsführer noch im Amt sind, sehen sie angeblich gute Chancen, die bombastischen Verbindlichkeiten ihrer Konzerne abbauen zu können. Der Ertrag als maßgebliche Größe werde in den nächsten Jahren deutlich steigen, ließ der Moksel-Vorstand erst vor wenigen Tagen die erstaunte Presse wissen.

Diese Töne sind weder neu noch originell. Seit Jahren legt die Branche die gleiche Platte auf. Und seit Jahren rutschen die Unternehmen weiter in die Verlustzone. Wären Fleischkonzerne mit Milliardenumsätzen kein Politikum, längst hätten Konkursrichter und Vergleichsverwalter alle Hände voll zu tun. Da dies aber nicht sein darf, sind abermals die Banken gefordert. Forderungsverzicht ist zum wichtigsten Begriff geworden. Bei einer Bilanzsumme von gut 820 Mio. DM hatte der Moksel-Konzern Ende des vergangenen Kalenderjahres mehr als 671 Mio. DM an Verbindlichkeiten. Dabei haben die Banken bereits auf Forderungen von 350 Mio. DM und die Aktionäre sogar auf 450 Mio. DM verzichtet. Diese Summen muss man sich auf der Zunge vergehen lassen. Dr. Uwe Tillmann, soeben zum Vorstandschef bei Moksel gekürt, sprach im Zusammenhang mit dem jüngsten Forderungsverzicht der Banken in der Größenordnung von 53 Mio. DM vom Vertrauen der Kreditgeber "in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens". Solche Formulierungen schmeicheln und zeugen von Optimismus. Eine ganz andere Frage ist jedoch, ob Banken, die blauäugig und ohne jede Sachkenntnis sich in diesem Gewerbe waghalsig engagierten, überhaupt Alternativen zum Forderungsverzicht gehabt hätten. Die Verhältnisse sind bei den genossenschaftlichen Konzernen keinen Deut besser - im Gegenteil. Auch dort hat über Jahre hinweg ein in weiten Bereichen inkompetenter Aufsichtsrat eine überforderte Geschäftsführung gewähren lassen. Investitionen am falschen Standort und Gigantomanie waren offensichtlich wichtiger als seriöse Marktanalysen und eine vorurteilsfreie Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Natürlich müssen die jetzt verantwortlichen Geschäftsführer mit den von ihren Vorgängern eingebrockten Altlasten fertig werden. Bei Moksel zum Beispiel betrug die Belastung aus den neunziger Jahren rund 800 Mio. DM.

Umso wichtiger ist, dass Entscheidungen von heute nicht zu Mühlsteinen am Hals der nächsten Generation werden. Zweifellos ist es vorteilhaft, wenn sich die Unternehmen jetzt intensiv um ertragsstarke Geschäftsfelder wie SB/Convenience und dergleichen kümmern. Viel wichtiger sind aber der Abbau von Überkapazitäten und strategische Kooperationen mit in- und ausländischen Unternehmen. Positive Zukunftsaussichten vor der Öffentlichkeit sowie den eigenen Mitgliedern und Aktionären zu formulieren, ist zulässig. Weil so etwas kurzzeitig die Stimmung hebt. Gefährlich wäre es allerdings, wenn die Akteure, berauscht von der eigenen Formulierungskunst, selbst daran glauben würden. Zweckoptimismus ist eine Sache; überzeugende Strategien aber eine viel wichtigere.
 
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