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Anachronismus

Von Horst Hermannsen, München

Kein Zweifel, in Deutschland gibt es zu viele Warenbörsen. Besonders überbesetzt ist die Börsenlandschaft in Bayern. Hier existieren gleich vier Vereine. Zum Vergleich: in Österreich gibt es eine einzige Warenbörse, in Italien drei, in Frankreich drei und in Spanien eine. Seit Jahren leiden die Börsen unter rückläufigen Besucherzahlen. Neue Regelungen wurden erforderlich, um glaubwürdige Notierungen zu Stande bringen zu können. Damit ist es aber nicht getan. Die aktuelle Börsenstruktur in Bayern ist ein An-tagonismus, der zum Schmunzeln herausfordert.

In diesen Tagen feiert die Bayerische Warenbörse in München ihr 80-jähriges Bestehen. Dies könnte Anlass sein, auch über eine Neuorientierung der längst überholten Verhältnisse nachzudenken. Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass sich die Beteiligten von Sachargumenten und nicht von persönlichen Eitelkeiten leiten ließen. Zugegeben, eine besonders schwierige Forderung. Titel, Pöstchen und Žmter, mit einem Wort, der gesamte Jahrmarkt der Eitelkeiten bestimmt einen weiten Bereich des Geschehens auch und gerade bei den entbehrlichen Börsen. Bei vorurteilsfreier Betrachtung kommt man rasch zu dem Schluss, dass in Bayern maximal zwei Produktenbörsen eine glaubwürdige Daseinsberechtigung haben. Die Börse in Landshut gehört zu den besonders aktiven Vereinen. Dort gibt es jedoch keine Notierungen. Räumlich, aber auch vom agrarwirtschaftlichen Umfeld her, ist München zu nahe. München hat ein weit über die weiß-blauen Landesgrenzen hinaus bekanntes Schiedsgerichtswesen entwickelt. Seit fast zehn Jahren führt die Münchner Börse einen internationalen Getreide- und Futtermittelhandelstag durch, der sich zu einer der bedeutendsten Zusammenkünfte der Agrarwirtschaft entwickelt hat. Zusammen mit den Börsen von Wien und Mailand wurde vor drei Jahren der "deutsch-italienische-österreichische Getreidekontrakt" entwickelt. Es wäre zweckmäßig, wenn sich die eloquente Landshuter Börse mit der international bekannten und federführenden Börse in München zusammen täte. Die Börse in Würzburg hat ebenfalls überregionale Bedeutung. Das Geschehen in Würzburg ist überzeugend aktiv und attraktiv. Noch immer werden auf dem Parkett in Würzburg intensive Kontakte gepflegt und nennenswerte Abschlüsse getätigt. Die Börse am Main profitiert dabei unter anderem von ihrer geographischen Lage im Zentrum Deutschlands an einer der wichtigsten Binnenwasserstraßen. Die überflüssigste Börse Bayerns dagegen hat ihren Sitz in Nürnberg. Das sehen offensichtlich die dort Beteiligten ganz ähnlich, ohne dass sie jedoch die entsprechenden Konsequenzen daraus gezogen hätten. "Mangels Beteiligung fand keine Notierung der Produktenbörse Nürnberg statt", ist häufig die wichtigste Mitteilung des Vereins. Es gibt keinen überzeugenden Grund, der gegen eine Fusion zwischen der Nürnberger und der Würzburger Börse sprechen würde. Aber auch hier müssten zunächst die sachlichen Argumente in den Vordergrund gerückt werden und nicht die persönlichen Eitelkeiten.

Was für alle deutschen Warenbörsen sinnvoll ist, wäre die überfällige Umstellung der Notierungen von Mark auf Euro. Der Vergleich mit anderen europäischen Börsen würde damit erleichtert. Allerdings können Börsen nur beschließen, was ihre Mitglieder wünschen. Schwerfälligkeit und Beharrung haben nichts mit der viel beschworenen Börsentradition zu tun. Immerhin galten die landwirtschaftlichen Produktenbörsen einst als Vorreiter ökonomischer Entwicklungen.
 
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