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Misserfolg

Von Horst Hermannsen, München

Die Hauptversammlung der Lagerland glich einem weiß-blauen Gauditheater, bei dem die Protagonisten schlecht vorbereitet waren. Erst als der Mentor des privaten Landwarenhandels, Erwin Fromme, aus Niedersachsen, verbal auf den Tisch haute und dem Lagerland Aufsichtsrat Nachhilfeunterricht in Aktienrecht und Versammlungsführung erteilte, konnte von einem einigermaßen geregelten Verlauf gesprochen werden.

Die Bilanz der Lagerland ist wohl schlechter als sie auf den ersten Blick erscheint. Das Unternehmen mag sich damit zwar in erstbester Gesellschaft befinden, doch gibt es Besonderheiten, die den Zorn der Aktionäre erregen. Dass keine Dividende ausgeschüttet wird, ist dabei ein ärgerliches, aber unvermeidliches Randereignis. Die Lagerland hat unter anderem Probleme mit dem Sojahandel, genauer gesagt, sie beherrscht ihn nicht - und das schon seit Jahren. Als das Unternehmen 1997 durch Spekulation in eine gefährliche Schieflage geriet, wurde der Bereichsleiter Futtermittel gefeuert. Folgerichtig stand im Geschäftsbericht 1998: "Wir stellten ab Ende 1997 den spekulativen Soja-Handel ein." Künftig, so jedenfalls schien es, durfte dieses gefährliche Terrain von dem arg gebeutelten Unternehmen nicht mehr betreten werden.

Warenvorstand Lorenz Lang ignorierte indes die Entscheidung und führte die Spekulation mit gewohntem Misserfolg fort. Das Ergebnis ist ein Verlust in Millionenhöhe. Inzwischen wurde der Sojahandel wieder einmal eingestellt. Wie ist es möglich, dass sich ein Vorstandsmitglied über Beschlüsse hinwegsetzt, die ausdrücklich im Geschäftsbericht dokumentiert wurden? "Wir haben uns nur vom spekulativen Handel zurückgezogen", heißt es seitens der Geschäftsführung. Diese Aussage entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Beim "Durchhandeln", dies weiß jeder Lehrling der Branche, können derartige Verluste nicht entstehen.

Lang hätte einen Anschein von Souveränität gezeigt, wenn er vom Amt des Vorstandes zurückgetreten wäre. Damit, so rechtfertigt er sein unverständliches Verhalten, gäbe es nur noch einen Alleinvorstand. Der existiert de facto ohnehin. Lang ist vom Wesen her angestellter Getreidehändler, nicht jedoch kompetenter Vorstand einer AG. Was der Lagerland zudem fehlt ist eine funktionierende interne Kontrolle und ein Aufsichtsrat, der etwas vom Warengeschäft versteht.

Das Unternehmen stand in diesem Frühjahr vor einem Abgrund - inzwischen ist es einen großen Schritt voran gekommen. Es muss sich vom feinsten Tafelsilber, dem wertvollen Grundbesitz trennen, um die Verbindlichkeiten in den Griff zu bekommen. Was sind dann eigentlich die "Substanzaktien" noch wert, muss man sich fragen. Unabhängig davon sollte sich die Lagerland nicht mehr durch verpachtungswillige Landhändler über den Tisch ziehen und durch verlustbringende Tochtergesellschaften skelettieren lassen. Das Unternehmen braucht Zukunftsstrategien. Die geplanten gemeinsamen Saatgutaktivität mit der Deutschen Agrar AG, Hildesheim, zielen in die richtige Richtung, reichen aber nicht aus. Auch müsste doch längst die Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden in Angriff genommen werden. Es bleibt zu hoffen, dass der kostspielige Unternehmensberater Roland Berger, dessen Dienste die Lagerland derzeit in Anspruch nimmt, ein zukunftsweisendes Konzept vermittelt. Anderenfalls ... Aber keine Sorge, Vorstand und Aufsichtsrat werden bei der Lagerland immer entlastet.
 
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