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Getroffen

Von Bernd Springer, Frankfurt am Main

Zumindest im Augenblick haben die Selbstmord-Attentäter von New York und Washington ihr Ziel erreicht. Sie trafen die USA und die gesamte freiheitlich orientierte Welt dort, wo sie am empfindlichsten ist: in ihren wirtschaftlichen und politischen Zentren. Tausende Menschenleben werden am Ende zu beklagen sein. Entschlossene, aber auch besonnene Äußerungen des US-Präsidenten George Bush geben zur Hoffnung Anlass, dass eine international koordinierte Terrorismusbekämpfung installiert werden wird. Jedoch bleibt auch die Angst vor einem Vergeltungsschlag mit großer Härte, dessen Auswirkungen bis tief in unser aller Leben spürbar sein würden.

Der internationale Handel verharrte Mitte der Woche in Stille. Auch im Agrarhandel bewegte sich nichts mehr. US-amerikanische Agrarbörsen setzten den Handel bis einschließlich Mittwoch aus. Der europäische Handel mochte ebenfalls nicht zum Tagesgeschäft übergehen. Nicht nur die internationalen Verflechtungen mit den Schritt machenden US-Börsen, sondern auch viele persönliche Beziehungen zu Händlern auf den US-Parketten, machten den Angriff auch zur persönlichen Tragödie. "Heute sind wir alle Amerikaner" - dieser Satz gilt im internationalen Agrarhandel mindestens so sehr wie in Wirtschaft und Politik. Gleichzeitig fehlte dem europäischen Handel die Orientierung durch den amerikanischen Markt. Über die langfristigen Auswirkungen des Attentats auf die Agrarmärkte kann nur spekuliert werden. Am einflussreichsten dürfte die Entwicklung des US-Dollars sein.

Die Hinweise darauf, dass hinter dem Attentat radikale islamische Terrororganisationen stehen, verdichten sich. Bush und sein Verteidigungsminister Colin Powell sind intensiv darum bemüht, auch die arabischen Staaten für eine koordinierte Terrorismusbekämpfung zu gewinnen, um einer antiislamischen Hysterie vorzubeugen. Gerade jetzt, wo unter dem Dach der Welthandelsorganisation WTO die Verhandlungen eine entscheidende Phase erreichen, wären politische Zerwürfnisse mehr als kontraproduktiv. Zwar wurde nun eine zweitägige Diskussion über die US-Handelspolitik in Genf auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Auch die Arbeitssitzung über den WTO-Beitritt Chinas wurde von Donnerstag dieser Woche auf den kommenden Montag verlegt. Aber WTO-Mitarbeiter und der US-Handelsbeauftragte Robert Zoellick gehen noch davon aus, dass die Vorbereitungen für das Ministertreffen im arabischen Katar planmäßig weiter verfolgt werden. Allerdings wäre nachvollziehbar, wenn die USA nun die Ministerrunde nicht in Arabien durchführen wollten.

Der Anschlag auf das World Trade Center darf kein Rückschlag für den Welthandel sein. Denn gerade der internationale Handel mit seinen geschäftlichen und persönlichen Geflechten wird dazu beitragen, dass der perfide Angriff das freiheitliche System nicht zerstört und die Attentäter ihr Ziel nicht erreichen.
 
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