1

Unscharf

Von Axel Mönch, Brüssel

Vier informelle EU-Agrarministerräte lang präsentierten die gastgebenden Mitgliedstaaten eine Landwirtschaft aus dem Bilderbuch. Salami von frei laufenden und Eicheln fressende Schweinen verzückten in Portugal die Gaumen der Minister. Die Nordländer warteten mit Rentierfleisch auf und in Frankreich verzauberten Drei-Sterne-Köche Biogemüse mit ihren Künsten. Der Verdauungsspaziergang der Agrarpolitiker führte dann durch blühende Wiesen oder duftende Wälder. Belgien hat nun Schluss mit der Agraridylle bei den Ministertreffen gemacht.

Eine Konservenfabrik mit industrieller Massenverarbeitung vom Feinsten bekamen die Minister jüngst in einem dicht besiedelten Teil Ostbelgiens zu sehen. Tonnen von Erbsen, Bohnen und Möhren liefen in automatisierter Fertigung über Fließbänder, wurden von den modernsten Messgeräten durchleuchtet und anschließend in Gläser gefüllt und auf Paletten gestapelt. Von den Kunden sind die Gemüsekonserven aus riesigen Lagerhallen online abrufbar. Bei allen Unterschieden haben die Wildschweinsalami und die Dosenerbsen bei den Ministertreffen eines gemeinsam: Kein Mitgliedsland, also auch nicht Belgien, würde etwas auf die Qualität seiner Lebensmittel kommen lassen. Nur dass so unterschiedliche Erzeugnisse das Prädikat einer "guten Qualität" verliehen bekommen, macht deutlich, dass Verschiedenes unter dem Begriff verstanden wird. Für die einen bedeutet Qualität eine möglichst umweltschonende, naturnahe Erzeugung von möglichst vollwertigen und aromareichen Lebensmitteln. Eine allenfalls handwerkliche Verarbeitung und kurze Transportwege sollen folgen. Die anderen verstehen unter Qualität vielmehr Hygiene und eine sehr kontrollierte Produktion, die Lebensmittel gegen Gesundheitsrisiken absichern soll. Arbeitsteilige Prozesse und industrielle Verarbeitung werden im Sinne der Sicherheit begrüßt.

Die beiden Richtungen der Nahrungsmittelqualität haben ganz unterschiedliche Auswirkungen auf den Strukturwandel der Landwirtschaft und des Verarbeitungssektors. Die durch die BSE-Krise geforderte Sicherheit ist von größeren Betrieben zumeist leichter zu erbringen als von kleineren. Qualitätsmanagementsysteme, neue aufwendige Analyseapparate oder zu trennende Produktionsstrecken, etwa bei der Mischfutterproduktion, sind im Großbetrieb mit niedrigeren Stückkosten verbunden als im kleineren Unternehmen. Die neuen Auflagen an die Lebensmittelsicherheit dürften deshalb den Strukturwandel eher beschleunigen. Nur wollen dies die besonders um BSE besorgten Bürger? Gerade von ihnen wurde doch Kritik an einer zu industriellen Landwirtschaft geübt. Es wäre zu wünschen, dass der Begriff "Qualität" in der agrarpolitischen Diskussion klarer verwendet und mögliche Folgen offener angesprochen werden.


 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Samstag lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats