1

Spielregeln

Von Jan Peters, Hamburg

Dunkle Wolken hängen über dem hiesigen Getreidemarkt. Die EU-Kommission will den Einfuhrzoll für Getreide aus Osteuropa um 10 /t senken und ihn damit dem Zollsatz aus anderen Drittländern angleichen. In der kommenden Woche soll diese Senkung in Brüssel endgültig entschieden werden. Bisher war der höhere Zoll für osteuropäisches Getreide Ausgleich für eine geringere Fracht aus diesen Ländern. Damit sollte vor Jahren der Zugang des frachtfernen US-Weizen zu den europäischen Märkten gesichert werden. Die Frachtsituation hat sich jedoch mit den Jahren verändert. Frachten aus der Schwarzmeerregion oder dem Ostseeraum zu den Verarbeitern in Südeuropa sind inzwischen zum Teil sogar höher als die vielbefrachtete US-Route. Damit ist die Überlegung der EU-Kommission durchaus gerechtfertigt. Nicht akzeptabel ist dagegen der Zeitpunkt dieser Entscheidung.

Hier werden Spielregeln inmitten eines Getreidewirtschaftsjahres geändert. Dies bringt für den hiesigen Getreidehandel starke Verunsicherungen und kann zu harten finanziellen Einbußen in dem ohnehin harten Wettbewerb im Getreidehandel führen. Es wäre wünschenswert, wenn sich aus den Reihen der westeuropäischen Getreidewirtschaft gegen diesen Beschluss heftiger Widerstand mobilisiert. Denn normalerweise legt man Spielregeln vor einem Spiel fest. Wenn eine derartige Senkung geplant wird, dann muss diese zu Beginn eines Wirtschaftsjahres bekannt gegeben werden. Nur dann kann sich der Getreidehandel frühzeitig auf diese Veränderungen einstellen. Jetzt führt diese Maßnahmen zu Preisrückgängen und damit für den Getreidehandel zu einer Neubewertung der Bestände.

Für die hiesigen Anbieter von Weizen bedeutet die Senkung des Importzolls besonders in diesem Wirtschaftsjahr eine Verschlechterung ihrer Wettbewerbssituation. Ukrainische Brot- und Futterqualitäten finden derzeit einen guten Absatz in Nordafrika und Südeuropa. Sogar nach Kanada wurde jüngst ukrainischer Futterweizen verkauft. Mit der Senkung des Importzolls wird der Weizen aus dieser Region zu veränderten Warenströmen in der Europäischen Union führen und hiesiger Ware den Weg zu den Mühlen und Mischfutterwerken vor allem in Südeuropa erschweren.

Für einen funktionierenden Getreidemarkt mit seinen niedrigen Margen sind derartige Preisrückgänge als eine starke Belastung zu werten und praktisch nicht tragbar. Es muss von den hiesigen Agrarverbänden in Koordination mit den europäischen Nachbarn Druck auf die EU-Kommission ausgeübt werden, diese Entscheidung nochmals zu überdenken. Im Zuge der WTO-Verhandlungen und der jetzt doch rasch voranschreitenden Verhandlungen zur Osterweiterung der EU sind derartige Überlegungen sicher bedenkenswert, allerdings muss der Zeitpunkt für eine solche Entscheidung besser gewählt werden. Auch wenn politische Überlegungen hier vielleicht im Vordergrund stehen, müssen die Auswirkungen einer solchen Entscheidung auf den hiesigen Getreidehandel in einer solchen Entscheidungsfindung einbezogen werden. Derartige Maßnahmen führen zu einem Vertrauensbruch.


 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Samstag lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats