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Viel zu tun

Von Hermann Steffen, Bonn

Die in dieser Woche erzielte Einigung über ein neues konventionelles Prüfzeichen für Lebensmittel als einen historischen Schritt zu bezeichnen, ist sicher verfrüht. Dennoch zeichnet sich mit der Gründung der Gesellschaft "Qualität und Sicherheit" eine neue Dimension ab. In relativ kurzer Zeit haben es die sechs beteiligten Stufen der Nahrungsmittelkette geschafft, 15 gemeinsame Kernaussagen als Prüfkriterien für ein transparentes Qualitätsmanagement zu erarbeiten. Die Zeit für das Prüfzeichen war zweifellos reif, nicht nur unter dem Druck der BSE-Krise und eines Öko-Siegels. Zum einen sind Qualitätssicherungssysteme in den Nachbarländern Niederlande und Dänemark längst allgemeiner Standard und lassen sich als Vermarktungsargumente nutzen. Zum anderen gilt es, das Verbrauchervertrauen im Nahrungsmittelbereich längerfristig wieder herzustellen.

Nicht bei Null anfangen müssen die großen Unternehmen der Futtermittelindustrie, die großen Schlachthöfe und Verarbeitungsbetriebe sowie die Großen im Handel, da sie zumindest in Teilbereichen über Erfahrungen im Qualitätsmanagement verfügen. Diejenige Landwirten, die ihre Schweine oder Rinder bereits in Markenfleischprogrammen oder für das alte CMA-Prüfsiegel produzieren, dürften mit exakten Aufzeichnungen des Produktionsprozesses ebenfalls keine Probleme haben. Doch nur 10 bis 15 Prozent der Erzeuger könnten schnell in das Prüfsiegel einsteigen. Das Gros muss vom System erst einmal überzeugt werden und wird sich kaum noch Hoffnungen auf Pioniergewinne machen können. Zusätzliche Aufzeichnungen und Kontrollen werden sie voraussichtlich so lange hinausschieben, solange sie noch Abnehmer für ihre Produkte finden. Der Deutsche Bauernverband ist beim Transfer des Systems in die Landwirtschaft nicht zu beneiden und wird für Hilfestellung der Mischfutterindustrie und der ersten Verarbeitungsstufe dankbar sein. Eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung könnte dabei dem Lebensmittelhandel zukommen, falls dieser eine schnelle Umsetzung forciert und darauf besteht, dass in absehbarer Zeit alle Produkte in seinen Regalen das Prüfzeichen QS tragen, ähnlich wie das GS-Siegel für "Geprüfte Sicherheit" im technischen Bereich.

Die Umsetzung und der Transfer des Zeichens in den Handel und zu den Verbrauchern ist zweifellos eine große Herausforderung für die CMA, die damit vergessen lassen kann, dass sie sich nach Meinung von Kritikern in der Vergangenheit allzu häufig mit Selbstdarstellung befasst hat. Kritik und Vorbehalte von selbsternannten Verbraucherschützern gegen das Zeichen oder die skeptische Beurteilung im Hause Künast lassen sich allerdings nur ideologisch nachvollziehen, nicht aber von der Sache her. Es wird anscheinend ebenso verkannt, dass sich das System in einigen Standards bereits oberhalb der gesetzlichen Normen befindet, wie ignoriert wird, dass die Prüfkriterien kontinuierlich neuen Anforderungen angepasst werden können. Renate Künast wird gut beraten sein, wenn sie das Zeichen als privatwirtschaftliche Initiative würdigt und es als solches akzeptiert. Wenn sie dabei Wünsche wie Haltungsformen, GVO-Freiheit von Futtermitteln oder Anforderungen an Tiertransporte zusätzlich mit einbringen möchte, kann ihr das keiner verbieten. Sie sollte sich jedoch am Machbaren orientieren, denn schließlich geht es um die breite Grundlage der Nahrungsmittel und nicht um Ökoprodukte.
 
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