1

Revolution

Von Jörg Foshag, Paris

Wer in den achtziger Jahren vorausgesagt hätte, dass die Agrarbank Crédit Agricole an die Börse gehen wird, wäre als realitätsferner Träumer verlacht worden. Aber heute wird die Revolution als konsequent empfunden: Der Crédit Agricole wagt den Börsengang. Ende der nächsten Woche wird der Crédit Agricole zum ersten Mal am Pariser Aktienmarkt notiert werden. Für Jean Laurent, den Generaldirektor des Crédit Agricole, ist die Entwicklung seiner Bank bereits heute eine "schöne Börsengeschichte". Dies hört sich gut an. Aber ganz so schön ist diese Geschichte nicht immer gewesen. Denn der Wandel, den die Agrarbank in den vergangenen Jahren durchmachte, ist nicht ohne Schmerzen vollzogen worden. Und auch jetzt hat es einige Arbeit gekostet, die genossenschaftlichen Eigentümer auf das Börsenprojekt einzustimmen.

Immerhin: Die Entwicklung des Crédit Agricole verläuft mit einer Geschwindigkeit, die atemberaubend ist. Erst vor zwölf Jahren ist der Crédit Agricole, der zuvor 90 Jahr lang für die Finanzierung der Landwirtschaft zuständig war, aus der staatlichen Kontrolle ausgeschieden und in den Genossenschaftssektor abgewandert. 1991 verlor er das Monopol für die Vergabe der zinsverbilligten Agrarkredite. Vier Jahre später übernahm er die Bank Indosuez und wagte sich auf die Felder der internationalen Finanzwirtschaft vor. Der Börsengang ist ein folgerichtiger Schritt einer Strategie, die den Crédit Agricole zu einer der größten Universalbanken Europas machen soll. Diese Strategie ist notwendig, denn auch der Crédit Agricole muss sich den veränderten Strukturbedingungen anpassen. Viele Franzosen sind zwar immer noch der Meinung, dass Frankreich nicht nur ein Industriestaat, sondern auch ein Agrarstaat ist. Die Hartnäckigkeit, mit der die französische Politik noch immer die Interessen der einheimischen Landwirtschaft vertritt, festigt dieses Bewusstsein. Die Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache. Das Gewicht der Agrarwirtschaft in Frankreich hat in den vergangenen 20 Jahren rasch abgenommen. Heute werden weniger als 2,5 Prozent des französischen Bruttoinlandsproduktes noch von den Landwirten erwirtschaftet. Landwirte und Landarbeiter machen noch 1,5 Prozent der gesamten Bevölkerung Frankreichs aus. Es liegt nah, dass der rasche Strukturwandel nicht nur von den Landwirten selbst viel Flexibilität und Anpassung verlangt, sondern auch von denen, die die Landwirte zu ihren Kunden zählen.

Anpassungsfähigkeit hat der Crédit Agricole in den vergangenen Jahren mit seinem stetigen Wandel in Richtung Universalbank bewiesen. Insider zweifeln auch nicht daran, dass das Management die Flexibilität besitzt, den Erwartungen des Kapitalmarktes gerecht zu werden. Die Herausforderung ist groß. Denn mit dem Börsengang wird sich der Druck auf die Bank verstärken. Sie wird ihre Rentabilität steigern müssen, wenn sie die Aktionäre nicht enttäuschen und am Markt nicht sanktioniert werden will. Andererseits wird der Druck der Finanzmärkte dafür sorgen, dass die Modernisierung des Crédit Agricole noch zügiger vollzogen wird als bisher. Der Börsengang läutet eine neue Epoche ein - für die Bank und auch für die ländlichen Kunden.
 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Samstag lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats