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Zukunftsmusik

Von Monika Reule, Bonn

Stellen Sie sich vor, wir leben im Jahr 2055. Es ist Nacht im Milchviehstall von Bauer Huber. Rund 1 000 Tiere, in Leistungsgruppen aufgestallt, dösen friedlich vor sich hin. Und doch ist Bewegung im Stall. Unbemerkt von den Tieren bewegt sich der FEEDCheck-Robot durch den Bestand. Mittels einer feinen Injektionsnadel nimmt er heute Nacht von der Leistungsgruppe A kleine Blutproben von jedem Tier. Quasi zeitgleich analysiert er alle Blutparameter, errechnet Status, Über- und Unterversorgung der Tiere. Per Funk werden die Daten direkt an das benachbarte Kraftfutterwerk übertragen. Dort errechnen Minicomputer tier- und leistungsbezogen die erforderliche Futterzusammensetzung und starten den Produktionsprozess. Aus hunderten kleiner Silos und Dosierzellen werden hinsichtlich ihrer Inhaltstoffe gentechnisch oder konventionell optimierte Rohstoffe und vor zwanzig Jahren noch völlig unbekannte neuartige Produkte aus der großtechnischen Verwertung von Biomasse zusammengestellt. Unter Anreicherung von natürlichen und synthetischen Wirkstoffen und Aromen werden die Komponenten so zu Konfektionsfuttermitteln verarbeitet. Am Morgen hat Bauer Huber sein speziell für seine Tiere konzipiertes Futter auf dem Hof.

Szenenwechsel: Gleiches Jahr, gleicher Ort. Der Milchviehstall von Bauer Huber ist längst verschwunden. Wo einst Milchkühe das Bild prägten, stehen heute Mais und Sonnenblumen in Monokultur. Wo einst das benachbarte Kraftfutterwerk stand, steht heute ein Energiekraftwerk. Tag und Nacht werden dort Kraftstoffe aus pflanzlicher Biomasse erzeugt. Ein Bild, das sich in ganz Deutschland gleicht. Die fossilen Brennstoffe sind erschöpft, Energie ist teuer und knapp. Getreide, dessen Energiegehalt in den letzten 25 Jahren mittels gentechnischer Verfahren ernorm gesteigert wurde, wird heute primär in Heizkraftwerken zur Wärmeerzeugung genutzt. Bereits vor 50 Jahren hat die Politik diesen Richtungswechsel in der Landwirtschaft eingeleitet. Pflanzliche Rohstoffe für die Lebensmittelproduktion werden in Deutschland kaum noch erzeugt. Auch die Veredlungswirtschaft ist weitgehend aus Deutschland verschwunden. Milch, Fleisch und Eier kommen heute fast ausschließlich aus dem südamerikanischen und asiatischen Raum. Die Regale der Supermärkte sind voll mit billigen Lebensmitteln, deren Beipackzettel längst keiner mehr liest. Und die Kinder bestaunen Kühe im Zoo.

Ein Horrorszenario? Die Realität des Jahres 2055 wird sicherlich irgendwo dazwischen liegen. Keiner weiß heute, wohin die Reise langfristig gehen wird. Forschung und technischer Fortschritt werden für die künftige Ausrichtung der heimischen Landwirtschaft, der Veredlungsproduktion und auch der Futtermittelwirtschaft ebenso wichtig sein, wie die ökonomischen Verhältnisse und die Rahmenbedingungen, die die Politik vorgibt. Wo wir heute stehen und welche Entwicklungen sich künftig ergeben könnten, will der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT) im Rahmen seiner 5. DVT-Jahrestagung am 15. September 2005 in Wetzlar beleuchten. Unter dem Rahmen-Thema “Neuartige Futtermittel – Mengen, Märkte, Möglichkeiten” werden namhafte Fachleute darlegen,

• welche Futtermittel, in welchem Umfang bei einer längerfristigen Förderung des Anbaus von Energiepflanzen auf den Markt drängen werden,

• was transgene Futtermittel der zweiten und dritten Generation versprechen,

• welche innovativen Produkte im Zusatzstoffbereich in der Entwicklung sind und

• ob nährstoffangereicherte Futtermittel langfristig einen Beitrag zur Optimierung der Inhaltsstoffe von Lebensmittel leisten können.

Mit diesen spannenden Themen blickt der DVT bewusst in die Zukunft, im festen Vertrauen, dass die Veredlungsproduktion und die Futtermittelwirtschaft in Deutschland eine Zukunft haben. Fakt ist, dass die globalen Futtermittelmärkte sich in den letzten Jahren bereits rasant verändert haben. Der Abbau von staatlichen Stützungsmaßnahmen sowie die Reduzierung von wichtigen Subventionen und Handelshemmnissen werden auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Neuartige Futtermittel werden auf den Markt kommen und alte verdrängen. Dabei gilt es, nicht nur die damit verbundenen Risiken sondern auch die neuen Chancen für die Agrarwirtschaft zu sehen. Voraussetzung ist allerdings, dass die nationale Politik die Veredlungsproduktion dauerhaft als Wirtschaftsfaktor anerkennt und künftig alles dafür tut, das Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit des Sektors zu fördern. Somit könnten die Möglichkeiten einer höheren Eigenversorgung mit Veredlungsprodukten in Deutschland und die Standortvorteile für den Export im Rahmen der Globalisierung genutzt werden.
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