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Langer Marsch

Von Jürgen Struck, Frankfurt am Main

„Wenn China erwacht, wird die Welt erbeben“. Dieses Zitat wird dem französischen Staatsmann und großem militärischen Führer Napoleon Bonaparte (1769 – 1821) zugeschrieben. Woher Napoleon diese Erkenntnis bezogen haben könnte bleibt unklar.

Als sicher gilt, dass er als einer der ersten europäischen Militärs das etwa 2500 Jahre alte Werk des chinesischen Philosophen und Generals Sunzi „Die Kunst des Krieges“ studiert und darauf viele seiner militärischen Erfolge errungen haben soll. Vielleicht haben ihn seine Studien und Erfahrungen zu der genannten Einschätzung veranlasst. Erleben wir das Erwachen Chinas? Verfolgt man die aktuellen Entwicklungen im wirtschaftlichen und insbesondere im industriellen Sektor so drängt sich dieser Eindruck auf. Es wird viel darüber diskutiert ob und wie lang die Riesennation mit ihren 1,3 Mrd. Einwohnern das eingeschlagene Tempo wird durchhalten können. Unverkennbar sind jedoch bereits jetzt die großen Herausforderungen für die etablierten westlichen Gesellschaften der Welt. Im Hinblick auf die Versorgung mit Lebensmitteln für ihre Bevölkerung und damit für den gesamten Agrarsektor steht die Volksrepublik China vor besonderen Schwierigkeiten. Dabei ist davon auszugehen, dass in quantitativer Hinsicht die Nahrungsgrundlage wahrscheinlich geschaffen werden kann, obwohl nach derzeitigem Wissenstand Hungersituationen in China noch vorkommen sollen. Vielmehr tritt die Frage in den Vordergrund, wie dies denn geschehen sollte. Angesichts von weit mehr als 800 Mio. Bewohnern in den ländlichen Regionen Chinas wird sehr schnell deutlich, dass das vergleichsweise einfach erscheinende Muster der raschen Produktivitäts- und Effizienzsteigerung durch den breiten Einsatz moderner Technik im gesamten Agrarsektor nicht die alleinige Lösung sein kann. Denn die dann frei werdenden Arbeitskräfte auf dem Lande können nicht von sich rasch entwickelnden industriellen oder anderen Kapazitäten aufgenommen werden. Diesen Weg konnte beispielsweise das Deutschland der Nachkriegszeit nach 1945 beschreiten. Als Konsequenz ergab sich, dass in diesem Land heute von nur noch knapp 900.000 direkt Erwerbstätigen in der Landwirtschaft ein Höchstmaß an Grundnahrungsmitteln erzeugt wird. Heute stößt hier die Industriegesellschaft an ihre Grenzen. Als Modell für China aber auch andere Länder scheidet diese Möglichkeit aus. China gilt als Land der Extreme. Vermutlich wird auch der Agrarsektor eine zweigeteilte Entwicklung aufweisen müssen. Einerseits eine technisierte und industriell geprägte Hochleistungslandwirtschaft, vorwiegend in der Nähe der Verbrauchszentren und auf der anderen Seite die Fortführung der Subsistenzwirtschaft zur Eigenversorgung der ländlichen Bevölkerung unter Einbeziehung arbeitserleichternder Maßnahmen. Ein hohes Entwicklungstempo lässt sich jedoch für den Bereich der industriellen Mischfutterproduktion erwarten. Nach offiziellen Angaben belief sich die in China produzierte Menge im Jahr 2004 auf etwa 70 Mio. t. Nach Aussagen von Branchenexperten wird im Jahr 2006 mit etwa 100 Mio. t gerechnet. Angesichts einer hohen Dynamik in der Bereitstellung von Nahrungsmitteln tierischer Herkunft wurde als Zielgröße für das Jahr 2010 eine Größe von etwa 150 Mio. t genannt. Neben den interessanten Perspektiven als potentiellem Absatzmarkt gewinnt China aber eine zunehmend wichtigere Bedeutung als Lieferant von hochwertigen Grundstoffen für die Tiernahrungshersteller, wie beispielsweise Vitaminen und Aminosäuren, Spurenelementen oder Säuren. Für Anbieter jedweder Güter ist und bleibt Europa ein hochattraktiver Markt, dies gilt auch für die Produktion von Tiernahrung. Auf seinem „Langen Marsch“ der Transformation muss und wird China die wichtigen Märkte der Welt nutzen.
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