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Trendwende

Von Brigitte Stein, Frankfurt am Main

Der Verbraucher ist ein beliebtes Forschungsobjekt. In Zahlen wird sein Verhalten erfasst. Doch über Motive und Beweggründe kann oftmals nur spekuliert werden. Beispielsweise der Kartoffelverbrauch der Deutschen: Er hinkt nicht nur, er lahmt sozusagen auf beiden Beinen. Denn im Jahr 2002 wurden nahezu in jedem Monat weniger Speisefrischkartoffeln gekauft als im gleichen Monat des Jahres 2001. Wurden im Januar 2002 „nur“ 2,1 Prozent weniger Kartoffeln gekauft als im Januar 2001, so waren es im September 2002 sogar 14,7 Prozent weniger als im September 2001. Lediglich im Juli 2002 wurden mehr Kartoffeln gekauft als im Juli 2001 – aber nur 0,6 Prozent. Hinzu kommt der Markt für Verarbeitungsware. Die Angst der Verbraucher vor Acrylamid beeinträchtigt den Absatz der Verarbeitungsprodukte deutlich. Immerhin gibt es für diese Marktentwicklung zumindest eine Erklärung und Handlungsansätze.

Der unbefriedigende Frischkartoffelabsatz bleibt jedoch unerklärt. Eine Strategie dagegen kann erst recht nicht entwickelt werden, und auch die erhoffte Trendwende bleibt aus. Undenkbar ist im Grunde auch die Profilierung der Frischkartoffel auf Kosten der Verarbeitungsware. In Debatten über Acrylamid ließe sich leicht der Hinweis einflechten, dass Salzkartoffeln und Püree frei sind von einem „Acrylamid-Risiko“. Fraglich ist zudem, ob das wirklich gelingen würde. Schließlich bleiben in der häuslichen Küche die Reste der Salzkartoffelmahlzeit, die früher doch so gerne zu Bratkartoffeln veredelt wurden. Und hier muss der Verbraucher sich ja wieder vor Acrylamid fürchten. Da hilft auch das kleine Faltblatt des Verbraucherschutzministeriums zu Acrylamid nicht, das erklärt „Wie Sie sich und Ihre Familie schützen können“.

Was der verunsicherte Verbraucher dringend braucht, ist Klarheit in seiner eigenen Küche. Er muss selbst messen können, damit er gezielt mit Bratenfett, Frittiertemperatur und so weiter experimentieren kann. Es ist höchste Zeit, dass irgendjemand Teststreifen entwickelt zur schnellen Acrylamid-Analyse in der Küche – mit der Gebrauchsanleitung „einfach anfeuchten, mit knuspriger Kruste betupfen und die Farbveränderung beobachten.“ Nur falls der Test-Streifen keine Gefahr signalisiert heißt es: Guten Appetit.

Für eine ernsthaftere Interpretation des rückläufigen Speisefrischkartoffelabsatzes hilft vielleicht ein Blick in Zahlenwerke anderer Marktsegmente: Bei Tiefkühlkost und Fast Food heißen die neuen Stars Pizza, Pasta und asiatische Küche. In dieser Geschmacks-Mode hat die Kartoffel keinen Platz – abgesehen von Kartoffelsnacks mit italienischer oder asiatischer Würznote vielleicht. Einer solchen Mode-Welle entgegen zu wirken mit sachlicher Information ist unmöglich; auch mit Marketing ist es keine leichte Aufgabe. Denn nicht einmal jede aufwendig beworbene Neueinführung namhafter Markenartikelhersteller gelingt. Ein Unsicherheitsfaktor in jeder Hinsicht bleiben aber die jungen Verbraucher, das haben Ernährungsberater erkannt: Sie scheren sich nicht um Ernährungsberatung oder Acrylamid. Sie essen einfach nur, was gerade „trendy“ ist. Da muss die Kartoffel wieder dazugehören, damit die Absatzzahlen die ersehnte Trendwende verkünden.
 
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