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Cäcilie Daus-Speicher

zu Sortenvermischungen

Lücken

Die Klagen über falsche Angaben der Sorte oder der Herkunft von importierten Speisefrühkartoffeln reißen in diesem Frühjahr nicht ab, obwohl viele, sehr wahrscheinlich sogar die meisten Kartoffelhändler stillschweigend darüber hinwegsehen. Einerseits haben einige die bittere Erfahrung machen müssen, dass sie im Grunde machtlos gegen solche betrügerischen Machenschaften sind. Sie hoffen, dass der Spuk schnell vorbei ist, ohne selbst Schaden zu nehmen. Andererseits ist die Branche heilfroh nach dem recht schwierigen und wenig lukrativen Geschäft mit den Winterkartoffeln nun mit Frühkartoffeln aus Südeuropa und Nordafrika wieder in die Gewinnzone zu gelangen.

Stein des Anstoßes ist derzeit Sieglinde aus Galatina, eine auf den Groß- und Wochenmärkten sehr gefragte Sorte und Herkunft. Die erfreulich gute Nachfrage wird allerdings durch den Umstand getrübt, dass die nicht gerade wachstumsfreundliche Witterung der vergangenen Wochen in der süditalienischen Anbauregion Apulien für schleppende bis stockende Nachlieferungen sorgt. Den Nachschub „echter“ Sieglinde aus Galatina kündigten seriöse italienische Versender für die zweite Wochenhälfte oder Anfang der kommenden Woche an, heißt es am Münchener Großmarkt. Sie gäben auch mehr oder weniger offen zu, dass in den vergangenen Wochen andere Sorten und Herkünfte auf den Weg gen Norden gebracht worden seien.

Was aber wird den Verbraucherinnen denn als Sieglinde/Galatina verkauft? Oftmals – so ist von Fachleuten zu hören – werde Sieglinde aus Sizilien verwendet. Aber auch Arinda von der Insel oder aber die in Italien zwischengelagerte Nicola aus Ägypten käme zum Einsatz, mutmaßen die Experten. Überhaupt werde mit ägyptischer Ware ohnehin viel Schwindel betrieben, etwa die Anwaschung von roter Erde, um die Syrakuser Herkunft vorzutäuschen. Wie auch immer dieser „Schwindel“ im einzelnen aussieht, es handelt sich um Betrug, der im Ursprungsland verübt wird. Das macht die Sache hierzulande so schwierig, weil erstens der Sortennachweis Wochen dauert und zweitens der Herkunftsnachweis schier unmöglich ist. Zudem gibt es in Italien keine Angaben der Ernte-/Vermarktungsmenge pro Tag oder pro Woche, wie etwa in der Pfalz, die für Transparenz in der Anbauregion selbst sorgen könnten. Durch den Wegfall der Grenzen innerhalb der EU passiert die Ware auch kein Nadelöhr mehr, an dem kontinuierlich Kontrollen stattfinden könnten. Stattdessen werden Stichproben erhoben, die vor allem der Qualitätskontrolle und nur gelegentlich dem Sortennachweis dienen.

Diese Kontrollfunktion muss vom Staat wieder stärker wahrgenommen werden, nicht nur um die Verbraucher vor Betrug zu schützen, sondern vor allem die Kartoffelhändler, denen das volle Risiko zugemutet wird. Führen sie nämlich Sortenstichproben durch, so ist das nicht nur zeit- und kostenintensiv. Sie müssen die „angezweifelte“ Partie über Wochen zurückhalten, was bei Frühkartoffeln gleichbedeutend mit Entsorgung ist, egal wie das Ergebnis der Stichprobe ausfällt. Das eigentliche Geschäft mit dieser Frühkartoffelpartie geht dann ohnehin verloren. Abgesehen davon kann es auch nicht die Aufgabe des deutschen Kartoffelhandels sein, die mitunter großflächigen Missstände in Italien aufzudecken und zu ahnden, die nur durch Gesetzeslücken möglich werden. Diese Lücken im System zu schließen, sprich eine Art einheitliche Handelsklassenverordnung für die EU zu erarbeiten, die den Verursacher zur Rechenschaft zieht, ist mehr als überfällig.
 
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