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Cäcilie Daus-Speicher

zum Preiskarussell

Angst

Entgegen allen positiven Markteinschätzungen ist das Preiskarussell am Markt für deutsche Frühkartoffeln viel früher und auch drastischer als erwartet in Gang gesetzt worden. Schade, denn in diesem Jahr hätte eine echte Chance bestanden, den Bestrebungen des Lebensmitteleinzelhandels, den Abpackbetrieben von Woche zu Woche günstigere Konditionen abzuringen, zu widerstehen.

Doch dazu muss man vor allem über die innere Freiheit verfügen, die Geschäfte eine Woche an sich vorbei- und Aldi als Preisführer auflaufen lassen zu können. Aber dazu fehlt bei allem guten Willen, den beispielsweise die Pfälzer Kartoffelhändler in dieser Kampagne an den Tag legen, ein ausreichender Spielraum, über den die Abpackbetriebe nur noch selten verfügen. Sie stehen in der Regel alle mit dem Rücken an der Wand und starren auf ihre Marktanteile, die es zu verteidigen gilt. Montag für Montag, Woche für Woche aufs Neue.

Zudem sitzt ihnen die Angst tief im Nacken, dass sie neben den entgangenen Geschäften auch noch die aufgelaufene Ware zum niedrigeren Preis hergeben müssen, sie also doppelt „gelackmeiert“ wären, wenn sie sich dem Preiskarussell widersetzten. Da nützt es auch herzlich wenig, wenn man zwei Sündenböcke ausfindig macht – einen aus dem Koblenzer Raum und einen aus dem Sauerland –, die die ganze Misere mit den um einen Schlag 20 Cent günstigeren Aldi-Preisen in der vergangenen Woche zu verantworten hätten. Schließlich lassen sich fast alle, wenn nicht sogar alle, am Markt Beteiligten auf dieses „böse Spiel“ und die entsprechenden Preisvorgaben ein. Schließlich muss ja irgendjemand die Rohware für die Aldi-Gebinde liefern. Dass man sich aus Angst, für eine Woche ganz aus dem großen Geschäft raus zu sein, einlässt, macht die Sache zwar verständlicher, nicht aber besser. Es bleibt dabei: Der Lebensmitteleinzelhandel agiert und der Kartoffelhandel reagiert. Den Preis bezahlt die Kartoffelbranche einschließlich der Erzeuger in jedem Fall. Das lässt sich schon allein an der Tatsache ablesen, dass der Markt automatisch darauf wartet, dass bei der Donnerstags-Notierung der Pfälzer eine Preiskorrektur nach unten erfolgen wird. Im Vertrauen auf diesen Automatismus werden auch die Angebote am Montag bei Aldi abgegeben, ungeachtet der tatsächlichen Marktverhältnisse. Auch wenn in dieser Woche der Aldi-Preis nicht um 20 Cent/2,5 kg-Gebinde, sondern nur um 11 Cent zurückgenommen wurde, muss man sich doch der Frage stellen, wieso dies möglich ist, obwohl die ZMP für die kommende Woche eine Marktentspannung beziehungsweise die „Auflösung“ der angespannten Situation ankündigt.

Vor diesem Hintergrund kann man den Reagierenden nur den Mut und die Tollkühnheit wünschen, dem Lebensmittelhandel endlich Paroli zu bieten und die Lähmung der Angst abzuschütteln, damit das Rad des Handelns wieder ergriffen werden kann. Auch das kostet seinen Preis. Zweifelsohne.
 
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