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Dietrich Baumann

besuchte einen Direktanbieter

Beutelbändchen

Dr. Bernd Schwalenberg weiß heute noch nicht, ob es am Heiligabend kurz vor der Bescherung noch mal bimmelt und jemand ganz schnell 5 Kilogramm Kartoffeln will, weil mehr Besuch von auswärts kommt, als angemeldet war. Aber darauf ist er eingerichtet. Der Landwirt im sachsen-anhaltinischen Nienburg setzt seit 13 Jahren auf Kundennähe und Direktverkauf. Bei ihm ist der Kunde König. Und Majestät bestimmt auch die Sortenwahl.

Dabei gab es bis dato eine Sorte als Pflichtaufgabe: Adretta. Die ist sozusagen das Synonym für mehlig kochend. Aber auch ein Problemkind. Heuer war sie heftig mit Schorf befallen und über den Ertrag konnte der Bauer nur weinen. So wird sie wohl das ewige Leben nun nicht mehr haben. Das übrige Feld besetzten 2003 Donella, Flavia, Milva, Molli, Satina und Solara.

Dabei merkt sich der Kunde oft nur, wie die Sorte kocht und wie sie schmeckt. Dann sagt er beim nächsten Kauf freundlich: Bitte die Knollen, deren Beutel ein blaues, rotes, gelbes oder grünes Bändchen zierte. Die waren gut. Dann weiß Verkaufschefin Schwalenberg genau Bescheid, um was es sich handelte. Manche kommen auch nach der Ernte mit sieben Beuteln und holen sich Proben von allen Sorten. Ihrer besten bleiben sie dann für den Rest der Saison treu. Immer wieder gefragt wird nach den Knollen mit den rötlichen Augen. Was, die haben sie heuer nicht (die Quarta)? Na, dann kommen wir nächstes Jahr wieder. Oder sie lassen sich zu einer anderen Sorte überreden, sagt Bernd Schwalenberg, und freut sich dann.

Mit den Sortenempfehlungen, das sei ja auch gar nicht so einfach. Gerade in diesem Jahr schlugen vorwiegend fest kochende Sorte wegen der hohen Stärkegehalte exakt in die Kerbe der mehlig kochenden. Das muss man den Leuten schon erklären, sagt der promovierte Landwirt.

Recht ruhig wird es am Hoftor, wenn die Laubenpieper ihre eigenen Knollen aus dem Garten buddeln oder wenn die Ketten des Lebensmitteleinzelhandels Kartoffeln zum Schleuderpreis auf den Markt werfen. Aber schnell kämen die Kunden dann wieder. Gott sei Dank. „Ihre“ Sorte gab es in der Kaufhalle nämlich nicht und die schmecke doch am besten!

So richtig los geht der Kaufsturm im Januar. Da spiele freilich auch die totale Änderung der Kaufgewohnheiten eine Rolle. Vor 10 Jahren kellerten die meisten Leute noch ein. Heute sei das noch eine Handvoll. Na ja, im Grunde ist das nur gut für die Strategie des Nienburger Landwirtes. Angeboten werden die Knollen aus dem über 100 Jahre alten Gewölbekeller des Bauernhofes das ganze Jahr über und zwar in den Packungsgrößen 2,5 kg, 5,0 kg und 25,0 kg. Die kleinen Mengen gehen zum Beginn der Saison am besten und natürlich für die Singlehaushalte. Am gängigsten ist aber der 25 kg-Sack. Im kommenden Jahr soll der Direktverkauf bei Schwalenbergs eine neue Qualität erhalten. Ein Hofladen ist im Aufbau. Dann wird es auch Zwiebeln, Möhren oder Rote Bete aus dem eigenen Anbau geben, dazu weiteres Obst und Gemüse, sowie Eier und Honig, von benachbarten Höfen. Warum sollte der Kunde nicht neben der Knollen auch noch was anderes schönes mitnehmen?
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