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Horst Hermannsen

zu den Markterwartungen

Unerfüllt

Die Enttäuschung bei den Kartoffelerzeugern ist nicht zu übersehen. Die Hoffnungen nach der Ernte 2003 auf spürbar höhere Preise haben sich nur zum Teil erfüllt. Mittlerweile sprechen Marktbeobachter von einer „Winterdepression“, die nicht weichen möchte. Ende September/Anfang Oktober vorigen Jahres lagen bundesweit die Durchschnittskurse für aufbereitete Speisekartoffeln der Handelsklasse I bei gut 6,20 EUR/dt; heute sind es kaum 6,30 EUR. Dazwischen gab es ein kurzes Hoch, das jedoch keinen Bestand hatte. Diese geringe Steigerung ist um so bemerkenswerter, da die Gesamternte in Deutschland bekanntlich geringer ausfiel als im Vorjahr. Gegenwärtig ist sogar der Eindruck zu gewinnen, als würden die Preise leicht bröckeln.

Angesichts der Verhältnisse EU-weit werden nachhaltig steigende Preise auf allen Stufen wohl unerfüllte Wünsche bleiben. Besonders in Bayern, wo noch erhebliche Vorräte auf den bäuerlichen Betrieben vermutet werden, trüben die bescheidenen Aussichten die Stimmung. Aktuell spricht man trotz winterlicher Witterungsverhältnisse von einem gewissen Angebotsdruck, der sich nachteilig auf die Preisentwicklung auswirkt. Was übrigens immer wieder erstaunt, ist der Umstand, dass an der Großmarkthalle in München ausgerechnet für die Sorte Primura aus Italien die mit Abstand höchsten Großhandelsverkaufspreise genannt werden. Bayerische Herkünfte werden dagegen wesentlich billiger verkauft. Der überregionale Versand in benachbarte Bundesländer bietet nur wenig Entlastung, zumal auch aus anderen Regionen ausreichend preiswerte Knollen zur Verfügung stehen. Allerdings, so jedenfalls meinte vor kurzem die ZMP, scheint in diesem Jahr nicht nur die innerdeutsche Konkurrenz die Preise in Schach zu halten. Vielmehr ist es das Angebot aus Westeuropa, welches die Preisentwicklung erheblich beeinflusst.

In der Tat haben sich die Landwirte in Frankreich und den Benelux-Staaten in ihrer Sortenpolitik den Bedürfnissen des westeuropäischen Lebensmittelhandels und der Konsumenten in besonderer Weise angepasst. Die Abpackbetriebe in Deutschland haben jedenfalls von den konkurrenzfähigen Offerten aus Westeuropa regen Gebrauch gemacht. Das spüren aber auch die Versender in zunehmendem Umfang. Der Wettbewerb um den südeuropäischen Markt verstärkt sich bereits seit einigen Jahren.

Das aktuelle Versorgungsdefizit in einigen osteuropäischen Staaten hat zwar das Interesse der dortigen Abnehmer belebt. Die bisher verkauften Mengen sowie die erzielten Erlöse entsprachen aber keineswegs den Erwartungen der hiesigen Händler und Landwirte. Ob sich daran in den nächsten Wochen und Monaten noch etwas ändert, bleibt abzuwarten.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass bereits in nächster Zeit erste nennenswerte Lieferungen von Speisefrühkartoffeln aus dem Mittelmeerraum Marktbedeutung erhalten werden. Auch wenn die Mengen nicht „riesig“ sein dürften, so haben diese Importe doch eine gewisse psychologische Wirkung am Markt. Es müsste schon zu erheblichen Marktveränderungen kommen, wenn sich die Preise für Speisekartoffeln rasch und nachhaltig nach oben entwickeln sollten. Speziell bei Frittenkartoffeln bedarf es dafür sogar eines Wunders.
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