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Hermann Steffen

zum Anbau in Ägypten

Virgin Lands

Die These, dass die Kartoffeln aus Ägypten die am besten kontrollierten der Welt sind, mag übertrieben klingen, zumal die ägyptischen Frühkartoffel-Lieferungen in die EU in den vergangenen Jahren regelmäßig durch Fälle von Ralstonia solanacearum, der Schleimfäule-Krankheit, gestoppt wurden. Doch es muss etwas Wahres dran sein, denn neben den umfangreichen Kontrollen in Ägypten kamen im vorigen Jahr für eine Importmenge von 170.000 t beim Eintritt in die EU weitere 6.800 Probennahmen hinzu. Wurden vor einigen Jahren noch 50 bis 60 Fälle der Krankheit nachgewiesen, ging die Zahl in den letzten beiden Jahren auf jeweils unter 10 zurück. Das gemeinsame Vorgehen von EU und Ägypten gegen die Problematik hat Wirkung gezeigt, und es sieht so aus, als hätten die Sanktionen erhebliche Qualitätsanstrengungen mobilisiert.

Ein gutes Beispiel hierfür dürfte das jüngste Projekt der Firma Daltex sein, denn der größte ägyptische Kartoffelexporteur ist zurzeit dabei, rund 2.000 ha Wüstenboden für den Kartoffelanbau zu kultivieren. Eine reine Expansionsabsicht wird man ihm dabei kaum unterstellen können, denn im Gegenzug soll der Anbau auf den Flächen eingeschränkt werden, die keine optimalen Bedingungen für den Kartoffelanbau bieten. Unterstellt man der Maßnahme also vorrangig das Ziel der Qualitätsverbesserung, so muss der erhebliche finanzielle Mittelaufwand hierfür überraschen. Bei Investitionskosten von rund 5.000 EUR/ha für die Errichtung der Infrastruktur, für Brunnenbohrungen und Beregnungsanlagen wird deutlich, dass man in Ägypten der Absicherung der Exportmärkte für die nächsten 10 bis 15 Jahre sehr hohe Priorität einräumt und dass der Kartoffelanbau in naher Zukunft möglicherweise generell auf jungfräulichen Böden stattfinden wird.

Zwar lässt sich darüber streiten, ob es volkswirtschaftlich sinnvoll ist, wenn im Nildelta und Großraum Kairo in den letzten Jahren große Flächen an fruchtbaren und schwarzerdigen Böden der unkontrollierten und ausufernden Besiedlung zum Opfer fielen und im Gegenzug Wüstenböden mit erheblichem finanziellen Aufwand unter Kultur genommen werden. Doch da die Ralstonia-Problematik im Nildelta entstanden ist, bieten die unberührten Wüstenböden durch die Gesundlage zweifelsohne Vorteile, und mit den neuen Flächen eröffnet sich die Chance, die zum Teil sehr engen zweijährigen Fruchtfolgen etwas aufzulockern. Zusätzliche Hoffnungen verbinden sich damit, dass die neu kultivierten Felder in feinstrukturierten Sandböden angelegt werden und auf den „Virgin Lands“ künftig Frühkartoffeln für den Premiumbereich heranwachsen könnten. Sollten sich diese Hoffnungen erfüllen, dann hat man in Ägypten aus der Not buchstäblich eine Tugend gemacht und dem Qualitätsgedanken einen kräftigen Schub verliehen.
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