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Brigitte Stein

zu jugendlichem Essverhalten

Rezepttüftler

Veränderungen und Trends in der Ernährung nehmen oft in der Außer-Haus-Verpflegung ihren Anfang. So ging man früher zum „Italiener“ für Spaghetti oder Pizza. Heutzutage haben fertige Nudelsoßen und vielfältige Nudelformen einige Regalmeter in den Supermärkten erobert und diverse Pizzasorten füllen die Tiefkühltruhen. Auch Pommes frites und Kroketten erlangten in der Gastronomie Bekanntheit, bevor sie als tiefgekühlte Backofen-Version in die heimische Küche gelangten.

Aufschluss über die aktuellen Trends in der Außer-Haus-Verpflegung, wie sie Jugendliche mögen, gibt die März-Ausgabe der Zeitschrift Food Service. Hier berichteten neun Jugendliche, was sie wann gerne essen. Anschließend analysierte Soziologin und Jugendforscherin Alexandra von Streit die Hintergründe für das Essverhalten.

Kaum überraschend sind die genannten Lieblingsgerichte der Jugendlichen: Pizza, Nudeln, Hamburger. Die Kartoffelbranche sollte dennoch aufhorchen: Denn hier fehlen die bisher immer noch gut gehenden Pommes völlig. Sie tauchen im gesamten Gespräch nicht auf, denn sie sind irgendwie „out“.

Doch was die Jugendlichen gerne essen, analysiert die Forscherin, sind All-in-one Gerichte: Alle Komponenten, die bei traditionellen Speisen als Fleisch, Gemüse und Beilage zusammenkomponiert wurden, sind bei den Trend-Menus zu einem Gesamtgeschmackserlebnis verschmolzen. Und die Jugendlichen machen ihre Vorliebe auch gar nicht an einer einzelnen Komponente fest. Sie essen also den Hamburger nicht wegen dem Fleischklops oder wegen des Salatblatts, sondern wegen des Gesamt-Geschmacks-Eindruckes.

„Die Esskultur der Jugendlichen verrät viel über ihr Lebensgefühl“ analysiert von Streit. Die Jugendlichen wollen keine komplizierten Geschmackserlebnisse, keine Auswahl. Mit ihren schlichten Essgewohnheiten wollten die Jugendlichen die Komplexität ihres Lebens reduzieren. Zur altersbedingten Ablösung vom Elternhaus kommt noch die gesellschaftliche Veränderung, bei der Familienmahlzeiten immer weniger Bedeutung haben.

In dieser Welt der Jugendlichen ist bislang kein Platz für Kartoffelmahlzeiten, wenn sich selbst die unkomplizierte Pommes-Kultur offensichtlich überlebt hat – kein Platz für Salzkartoffeln, Pellkartoffeln oder Knödel. Damit der Kartoffelverbrauch wieder an Fahrt gewinnen kann, müssen deshalb Jugend-kompatible Kartoffelgerichte her. Findige Rezepttüftler könnten Kartoffeln ja vielleicht auf Pizzen, in Hamburgern oder Nudelsoßen unterbringen?

Zumindest müssen Jugend-kompatible, einfache Rezepte mit Kartoffeln dringend bekannter gemacht werden. Denn die Jugendlichen essen ihre Lieblingsspeisen nicht durchweg außer Haus. Sie schieben zu Hause Pizza in den Ofen oder in die Mikrowelle und machen sich Nudeln mit Fertigsoße. Da würde sich die Kartoffel aus der Mikrowelle (mit einer Trend-Soße) durchaus auch eignen, wenn sie nur bekannt genug wäre und vielleicht irgendwie schick...?

Später dann, als Erwachsene, könnten diese jungen Menschen dann durchaus Spaß am Kochen und an ausgefeilteren kulinarischen Genüssen haben, tröstet die Jugendforscherin. Spätestens dann sollten sie zum Wohle der Kartoffelbranche wissen, was man mit Kartoffeln kochen kann. Die Lage ist nicht völlig hoffnungslos. Immerhin berichtete eine der Jugendlichen ganz stolz: „Ich kann übrigens nicht bloß Nudelsaucen machen, ich kann auch Bratkartoffeln.“ Na also.
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