1

Hermann Steffen

zu Marktprognosen

Rechenspiele

Bei den stark abfallenden Qualitäten für alterntige Speisekartoffeln hat der Umstellungsprozess auf Frühkartoffeln aus dem Mittelmeerraum früher und schneller als im Vorjahr eingesetzt und gewinnt rapide an Dynamik. Die Tage der Alten scheinen gezählt, auch wenn einige Abpacker und Anbieter im Lebensmittelhandel aus preislichen Gründen noch so lange an ihnen festhalten wollen, wie es die Qualitäten zulassen. Einzelne Abpacker, bei denen die Neuen schon einen Umsatzanteil von 30 Prozent erreicht haben, erwarten nach Ostern schon ein Verhältnis von 50 zu 50 zwischen Jung und Alt. Schreibt man die Entwicklung fort, finden sich schon vor Mitte Mai kaum noch hiesige Knollen mehr in den Gebinden der Abpacker. Die ausländischen Herkünfte werden turnusgemäß den deutschen Markt bis Anfang Juni im Griff haben, um dann nach und nach ihre Anteile an die deutschen Herkünfte abzugeben.

Der Ablauf nach Plan ließe sich auch rechnerisch belegen. Bei einem Frischkartoffelverzehr von 31 kg pro Kopf und Jahr in Deutschland würden statistisch für die Monate April und Mai rund 420.000 t Kartoffeln benötigt werden. Unterstellt man, dass sich dieser Bedarf noch etwa zur Hälfte mit alterntiger Ware decken ließe, könnte das Rechenbeispiel bei grob geschätzten Importen von etwa 70.000 t aus Ägypten und Marokko, 30.000 t aus Zypern, 70.000 t aus Spanien und Portugal sowie 23.000 t aus Israel aufgehen, zumal noch die Lieferungen aus Italien hinzukommen. Doch zunächst lässt sich sicher über die alte Ernte streiten. Dass dem Markt große Mengen in guter Qualität vorenthalten wurden, gilt als höchst unwahrscheinlich. In Gegenteil: Sollte sich der Qualitätsabbau noch schneller als bisher fortsetzen, müsste die Rechnung um die zusätzliche Unbekannte Zeitfaktor erweitert werden. Wenn die Einfuhren aus Ägypten in diesem Jahr 10 bis 20 Prozent unter den erwarteten Mengen liegen, bisher aber schon 20 Prozent mehr als in den Vorjahren vermarktet wurden, ließe sich vermuten, dass die ägyptischen Einfuhren schon verbraucht sind, bevor ab Mitte Mai Entlastung aus Spanien angesagt ist. Für Spanien rechnet man zwar mit einer normalen Ernte in Sevilla, doch die späten Fröste und jüngsten massiven Regenfälle in anderen spanischen Regionen zeigen, dass Marktverläufe nicht vor Wetterkapriolen gefeit sind.

Die Zahl der Unwägbarkeiten ist lang und alle geschätzten Importmengen dürfen mit einem Fragezeichen versehen werden, denn wenn in anderen Ländern wie Frankreich, den Niederlanden oder England bessere Preise als hierzulande bezahlt werden, lassen sich die Warenströme leicht umlenken. Ob und wie eng der Markt für Deutschland in den kommenden Monaten werden wird, lässt sich zwar nicht vorhersehen, ein Ergebnis gilt jedoch schon jetzt als sicher: Die Preise werden sehr fest bleiben und hohe Preise werden auch Ware anziehen. Sorgen, dass es zu wenig Kartoffeln geben könnte, sind somit schlichtweg unbegründet. Denn, so formulierte es ein Insider aus der Branche: „Kartoffeln gibt es immer, was knapp ist, ist höchstens das Geld.“
stats