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Brigitte Stein

zur Atkins-Diät

Neid

Scheinbar unaufhaltsam schränken die deutschen Verbraucher ihre Einkäufe an Speisefrischkartoffeln ein: Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) beobachtete im ersten Drittel dieses Jahres einen Verbrauchsrückgang um 5,4 Prozent verglichen mit dem ersten Drittel des Jahres 2003. Dabei hatten die Verbraucher bereits zum Jahresbeginn 2003 weniger Kartoffeln gekauft als 2002! Im März wähnte man den Abwärtstrend schon gebrochen, als nur 0,4 Prozent weniger Kartoffeln verbraucht wurden als noch im März 2003. Doch schon im April wurden wieder 6,1 Prozent weniger Kartoffeln eingekauft und im Mai waren es noch mal 10 Prozent weniger als im Mai 2003.

Das Schlimmste daran ist, dass es keine Erklärung dafür gibt, die einfach zu beseitigen ist oder von selbst vorübergeht. Große Hitzewellen, die üblicherweise den Appetit auf Kartoffeln schmälern, hatte dieses Jahr noch nicht aufzuweisen. Die Ferienzeit passt zum Jahresbeginn auch nicht als Erklärung. Und das allgemein schlechte Konsumklima kann wohl auch kaum für den Verzicht auf Kartoffeln herangezogen werden.

Da hat es die Kartoffelbranche in den USA leichter: Zweistellige Absatzeinbußen lassen sich dort ganz einfach mit der neuesten Diät-Welle erklären. In einer Art Massenhysterie machen nämlich die US-Amerikaner in schöner Regelmäßigkeit - sofern Diätbedürftig - alle die gleiche Diät. Zurzeit ist es eben die Diät nach Atkins, die von den Zeitschriften (mittlerweile auch in Deutschland) auch als Glyx-Diät angepriesen wird. Da bekommen alle Nahrungsmittel einen „Glyx-Faktor“ nach ihrer Wirkung auf den Blutzuckerspiegel, wobei ein hoher Blutzuckerspiegel nach den Glyx-Regeln tunlichst zu vermeiden ist. Unter diesen Vorzeichen kommen Kartoffeln natürlich am besten gar nicht mehr auf den Tisch. Sie enthalten zu wenig Fett und zu wenig Eiweiß!

Das Schöne an dem Dilemma des US-Marktes ist, dass es sich beheben lässt. Nun haben US-Wissenschaftler nämlich eine Glyx-Diät-taugliche Kartoffel entdeckt mit einem niedrigen Stärkegehalt. Da ist eine Trendwende im Verbrauch leicht einzuleiten, indem eben nicht mehr die übliche Russet Burbank auf den Teller kommt. Aus europäischer Sicht wird die neue „Glyx-Kartoffel“ allerdings belächelt. Sie ist keineswegs neu, eher eine für Europäer gewöhnliche, fest kochende Sorte. Aber das braucht die US-Kartoffelvermarkter ja nicht zu stören. Hauptsache, sie können den Kartoffelverbrauch wieder beleben und womöglich noch in der Diätwelle Kartoffeln mit Zusatznutzen verkaufen.

Da könnte man schon neidisch werden. Denn an einer Kartoffel mit Zusatznutzen, die womöglich Impulse für den gesamten Kartoffelabsatz bringen könnte, fehlt es eben den deutschen Vermarktern. Immerhin kann die Branche von den amerikanischen Erfahrungen ein wenig profitieren, und sich um eine sortenspezifische Einordnung in die kursierenden Glyx-Tabellen bemühen. Oder womöglich die Kartoffel-Diät als Allheilmittel protegieren und darauf hoffen, dass es doch einmal eine Diät gibt, an die sich die deutschen Verbraucher massenhaft (und am besten auch in allen kommenden Jahren) halten.
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