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Horst Hermannsen

zur Marktstimmung

Schwankend

Die Stimmung am Kartoffelmarkt schwankt zwischen freudiger Erregung wegen des reichlichen Erntesegens und Schwermut als Folge der niedrigen Erlöse auf allen Stufen. Verarbeiter und Verbraucher können den Landwirten in ganz Europa dankbar sein, dass sie, entgegen den Empfehlungen von Marktbeobachtern, ihre Kartoffelanbauflächen nicht eingeschränkt haben. Trotz der warnenden Stimmen wurde in Deutschland der Anbau um gut 2 Prozent auf fast 293.000 ha ausgedehnt. Dabei ist der Kartoffelverzehr hierzulande schon seit Jahren rückläufig. Inzwischen beträgt er pro Jahr und Kopf kaum noch 67 kg; bei Frischware sind es allenfalls 33 kg. Auch in diesem Frühjahr war wieder einmal der Eindruck zu gewinnen, als würden Landwirte mit ihren Anbauentscheidungen in erster Linie auf vergangene oder aktuelle Marktverhältnisse reagieren. Ein Verhalten, das nur selten von Erfolg gekrönt ist.

Günstige Witterungsverhältnisse während der wichtigsten Vegetationsphasen führten schließlich zu einer Kartoffelschwemme mit entsprechendem Preisdruck. Die gesamte Erntemenge dürfte wohl mehr als 12,6 Mio. t erreichen. Im Vorjahr ernteten die deutschen Bauern 9,8 Mio. t. Das langjährige Mittel liegt bei 11,4 Mio. t. Was des einen Leid, ist des anderen Freud. Die Frittenhersteller hatten in der vorigen Saison mit einer ernsten Rohstoffknappheit und hohen Preisen zu kämpfen. Insofern ist ihnen das nun überreichliche Angebot willkommen. Meist deckt sich jedoch die Verarbeitungsindustrie mit Vertragsware ein; zusätzliche „freie Partien“ werden wohl voraussichtlich nur in sehr begrenztem Umfang benötigt.

Die gedrückten Preise erfreuen auch den Lebensmittelhandel und die Konsumenten. In den Regalen der führenden Discounter lassen sich 10-kg-Gebinde für etwa 1 EUR finden. Auch bei den herkömmlichen Vermarktern sind Angebote von 1,50 bis 2 EUR je 10-kg-Sack keine Seltenheit.

Die Erzeugerpreise haben mittlerweile ein bedenkliches Niveau erreicht. Angeblich sollen die Landwirte, nach Auskunft ihrer Verbände, bundesweit im Schnitt gerade mal 3,50 EUR/100 kg netto erhalten. Diese Aussage ist zwar leicht untertrieben, dennoch befinden sich die Erlöse auf einem sehr niedrigen Niveau. Manches wird zwar bei der Ermittlung des Deckungsbeitrags durch die Menge wettgemacht, dennoch bleibt die wirtschaftliche Situation für viele Kartoffelerzeuger höchst unbefriedigend. Verschärft wird die Situation häufig noch durch undiszipliniertes Marktverhalten, kritisiert selbst der Bauernverband hinter vorgehaltener Hand. Zeitweise und regional sprach man im Erfassungshandel sogar von regelrechten „Panikverkäufen“, die den Markt zusätzlich unter Druck brachten.

Für die Landwirte ist zurzeit kein Silberstreif am Horizont zu erkennen. Es wird ein wenig exportiert, zum Beispiel nach Osteuropa. Etliche Mengen können auch in andere EU-Staaten versandt werden, etwa nach Österreich und Italien. Alles in allem bleibt der Markt jedoch überversorgt und die Erlöse können so rasch ihre Talsohle nicht verlassen. Gerade in dieser Zeit müssen alle Möglichkeiten der Verwertung genutzt werden – von Verfütterung bis Energiegewinnung. Aber auch die Qualitätspflege sollte nicht zu kurz kommen. Nichts wäre schlimmer, als wenn nun auch noch schlechte Ware zu Schleuderpreisen auf den Markt geworfen würde. Es gäbe nur Verlierer.
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