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Hermann Steffen

war beim Testessen

Geschmackssache

Als die Landwirtschaftkammer Nordrhein-Westfalen vergangene Woche zu einem Kartoffel-Testessen eingeladen hatte, war die Neugier groß. Bei der überwältigenden Hausfrauenmehrheit mit zum Teil langjährigen Erfahrungen im Dienste des Kartoffelgeschmacks, war ich als Neuling dankbar für die ausführlichen Bewertungskriterien, die mir an die Hand gegeben wurden. Damit sollten sich die Fleischfarben von ‚dunkelgelb’ bis ‚egal’ , die Konsistenz von ‚fest’ bis ‚zerfallend’ und der Geschmack von ‚fein’ bis ‚kartoffelig’ beschreiben lassen. Dass der Gesamteindruck mit einer Note abgerundet wurde, schien auch nicht neu, doch im Gegensatz zu Schulzeiten durfte man einen Blick auf andere Bewertungsbögen wagen, ohne einen Verweis zu riskieren.

Ohne Salz und ohne alles wird die erste Knolle ‚al dente’ serviert - ganz klar: festkochend! Geschmack: angenehm kräftig! Gesamteindruck: gut! Noch decken sich meine Bewertungen mit der zehnjährigen Erfahrung meiner linken Nachbarin, doch dann häufen sich die Unterschiede signifikant. Während sie ‚fein/mild’ herausschmeckt, mache ich mein Kreuz bei fade. Überhaupt scheinen meine Geschmacksnerven eher auf grobe Differenzierungen als auf feine Nuancen ausgerichtet zu sein. Bei der Dame gegenüber erhalten die weichen Sorten Bestnoten – meine Selbstzweifel nehmen zu, bis sie sich als ausgesprochene Liebhaberin von Püree zu erkennen gibt. Kommentare anderer Tester wie ‚bitter’, ‚erdig’ oder ‚angenehm’ hätten theoretisch zur Sensibilisierung meines Geschmackssinns beitragen können, doch bei zunehmender Probenzahl fällt die Bestimmung trotz zwischenzeitlicher Neutralisation durch ein Stück Weißbrot immer schwerer. Beeindruckend schließlich das phänomenale Geschmacksgedächtnis, mit der meine Nachbarin die Schlussbenotung wie mit einem Federstrich und ohne jegliche Nachverkostung vollführt. Die Farben der Kartoffeln seien ganz gut gewesen, so ihr Resümee. Sie habe die ganze Zeit auf die ultimative Kartoffel gewartet, die sei aber nicht gekommen. Der Herr gegenüber ergänzt mitfühlend, dass er auch lieber ein Schnitzel gegessen hätte.

Als das Ergebnis bekannt gegeben und die zuerst getestete Sorte als Testsiegerin ausgerufen wird, bin ich erleichtert. Ganz so weit abseits scheint mein Geschmackssinn noch nicht zu sein, schließlich war sie auch bei mir die beste Sorte, jedenfalls beim erstenmal. Dass ich ihr später, als sie ein zweites Mal vorgelegt wurde, nur noch eine ‚Vier’ gegeben habe, musste aber irritieren. Tröstlich allerdings, dass nicht nur mein Geschmack sondern auch die Geschmäcker der andern Testpersonen in der Tat höchst verschieden sein können.
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