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Horst Hermannsen

zu Qualitätskartoffeln

Versteckt

Die deutsche Kartoffelwirtschaft, angefangen von den Erzeugern, Erfassern und Verpackern bis hin zum Lebensmittelhandel, verwendet viel Mühe darauf, einen ohnehin angeschlagenen Markt fast völlig zum Absturz zu bringen. Trotz warnender Stimmen haben die Landwirte in Deutschland im vorigen Frühjahr den Kartoffelanbau ausgedehnt. Offensichtlich träumten etliche Bauern sozusagen im Nachhinein noch von den hohen Erlösen des Wirtschaftsjahres 2003/04. Die optimale Witterung tat ein übriges. Mit einer Ernte von gut 12,6 Millionen Tonnen stehen weitaus mehr Kartoffeln zur Verfügung als Bedarf vorhanden ist. Die Überproduktion ist aber nur die eine Seite der Medaille. Gefördert wird hier zu Lande nicht unbedingt überzeugende Qualität, vielmehr wird häufig auf Massenproduktion gesetzt. Dennoch gibt es natürlich auch in Deutschland Premiumqualität. Aber, so fragen sich die Konsumenten, wo haben Bauern und Händler die guten Knollen versteckt? Tatsächlich wurde lange, vermutlich sogar zu lange Spitzenqualität vor dem Markt weggesperrt und mindere Partien als Konsumentenschreck erfolgreich eingesetzt. Was teilweise an deutschen Speisekartoffeln angeboten wird, wirkt jedenfalls wie eine Negativkampagne. Nicht selten werden die Verbraucher mit Qualitäten konfrontiert, die bestenfalls in den Futtertrog oder in die Biogas-Anlage gehören aber nicht in die Regale der Lebensmittelhändler. Seit Wochen, so klagt mittlerweile auch die ZMP, plagen sich die Vermarkter mit Kartoffelpartien für den Frischmarkt herum, die einen erheblichen Sortieraufwand verursachen; am gravierendsten sind Lagerdruckschäden. Ein altes Übel der deutschen Landwirtschaft wird am aktuellen Kartoffelmarkt wieder einmal sehr deutlich: Es wird viel über Qualität und Kundenpflege gesprochen, aber wenig dafür getan. Große Mengen „Schrott“ werden zu Billigstpreisen verramscht. Gleichzeitig jammert der Landmann über sinkende Marktanteile und negative Deckungsbeiträge.

Ausgerechnet Discounter des Lebensmittelhandels, von der Landwirtschaft häufig dafür gescholten, dass für sie angeblich nur der niedrigste Preis und weniger die Qualität zählt, versuchen dagegen zu steuern. Enttäuscht von kläglichen Kleingebinden aus deutschen Landen, ordern sie verstärkt tadellose Ware zum Beispiel aus Frankreich. Marktbeobachter erwarten für den hiesigen Markt rund 50±000 Tonnen aus dem Nachbarland. Nur auf den ersten Blick erscheinen die französischen Knollen wesentlich teurer als die Tüten deutscher Abpacker. Tatsächlich aber muss sich die Hausfrau beim Kauf dieser Importkartoffeln kaum über hässliche Druckstellen und verletzte Schalen ärgern. Die Verluste bei der Zubereitung sind minimal. Die Forderung nach kurzen Transportwegen und der Bevorzugung heimischer Nahrungsmittel, wird, zumindest teilweise, von der deutschen Kartoffelwirtschaft konterkariert.

Die weiteren Aussichten bis zur neuen Ernte bieten keinen Anlass zum Frohlocken. Die reichlichen Vorräte, darunter auch gehortete Premiumware, verhindern nachhaltig steigende Erlöse. Neben den reichlichen Angeboten alterntiger Kartoffeln aus Westeuropa, kommt nun rasch vermehrt Frühware aus Ägypten, Marokko, Israel und Tunesien. Dann folgen die andere wichtigen Anbaugebiete. Rund 400±000 Tonnen Speisefrühkartoffeln wollen Exporteure der Mittelmeerregionen in Deutschland absetzen. Am Frischemarkt haben heimische Lagerkartoffeln in den nächsten Monaten deshalb schlechte Karten.
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