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Brigitte Stein

zur Ernährungspyramide

Finger weg!

Noch vor Ostern hat das Verbraucherschutzministerium in Sachen Ernährungsberatung wieder von sich reden gemacht. Bundesverbraucherministerin Renate Künast stellte die Ernährungspyramide vor, die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE), Bonn, ausgearbeitet wurde. Neu und innovativ ist die dreidimensionale Darstellung, lobt die DGE ihr Werk. Leider gibt es davon weder ein echtes Modell zum Anfassen noch eine taugliche dreidimensionale und drehbare Darstellung im Internet; obgleich die DGE durchaus darauf hinweist, dass die Pyramide einer praxisnahen Vermittlung von Ernährungswissen dienen soll. Aber soll diese Pyramide das wirklich? Oder soll sie vielmehr das politisch gewollte Gespräch über Ernährung am Köcheln halten?

Danach sieht die ganze Angelegenheit schon eher aus und Leidtragende ist die Kartoffel, die einen mittleren Platz erhalten hat – recht weit entfernt vom gesunden Gemüse. Die DGE beschreibt sich selbst als gemeinnützigen Verein, der frei von wirtschaftlichen und politischen Interessen seine Ziele verfolgt. Wer aber weiß, dass die DGE seit einigen Jahren immer wieder um ihre finanzielle Sicherheit fürchtet und zu 70 Prozent von Bund und Ländern finanziert wird, der liest die Stellungsnahme der DGE mit anderen Augen.

„Ausgelöst durch neue Pyramiden- und Dreiecksmodelle aus den USA ist eine intensive Diskussion ... angeregt worden“, heißt es da. „Das Modell wurde in Zusammenarbeit mit Vertretern des Bundesverbraucherministeriums... entwickelt und umgesetzt.“

Zuvor genügte der DGE zur Verbraucherberatung ein Ernährungskreis, der die Anteile einzelner Lebensmittelgruppen anschaulich zeigt. Dazu gab es noch die „10 Regeln der DGE“. Eine davon lautete: Reichlich Getreideprodukte und Kartoffeln zu verzehren. Von ihrem Kreismodell wollte sich die DGE auch nicht wirklich verabschieden, denn der Kreis prangt auf der Bodenseite der Pyramide.

Die vier Seiten der Pyramide sind zwar gleich groß, sollen aber nichts über die Menge der empfohlenen Lebensmittel aussagen, so der strikte Hinweis der DGE-Expertin. Auch die Einordnung der Kartoffel auf der gleichen Pyramidenhöhenstufe wie Sonnenblumenöl und Käse wird eigentlich dementiert. Denn die gleiche Einstufung auf der Pyramide spreche nicht für gleiche Bedeutung für die täglich Ernährung: „Sie sollen die Pyramide nicht drehen.“ Aha, so ist das also mit diesem anschaulichen dreidimensionalen Modell, das nach Künasts Ansicht „möglichst an allen Kühlschränken Deutschlands hängen“ soll.

Warum nun die Kartoffel auch noch schlechter eingestuft wird als fetthaltige Nüsse, lässt sich mit den wissenschaftlich vorgegebenen Kriterien – Energiedichte und präventive Aspekte – nicht so recht erklären. Dahinter steckt eben auch eher politischer Wille. Die Kampagne „5 am Tag“ sieht Nüsse im Konzert mit Äpfeln, Kohl und Salat, so lautet die Erklärung. Deshalb findet sich diese Gruppe auch im grünen Bereich der Pyramide.

Die Kartoffel zählt aber nicht dazu. Möglicherweise haben hier die Vorbilder aus den USA, für die man sich im Ministerium wohl so begeistert hat, ihre Spuren hinterlassen: Die Diätwelle, die sich am glykämischen Index orientiert, rückt die Kartoffel in ein schlechtes Licht. Dabei wissen andere Experten der DGE durchaus, dass man diese Diät nicht wirklich empfehlen kann. Deshalb hält die DGE ja auch an ihrem Ernährungskreis fest. Von der Pyramidendarstellung, die sich nicht von selbst erschließt, hätte sie vielleicht doch besser die Finger gelassen. Ernährungsinteressierte Verbraucher verstehen die Pyramide vielleicht auch am besten, wenn sie sie so drehen, dass der Ernährungskreis zu sehen ist. Der Rest ist Politik und keine Beratung.
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