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Markus Wolf

zum Kartoffelkonsum

Traditionell

Die Pellkartoffel als klassische Beilage ist in Westdeutschland auf dem Rückzug. In den neuen Bundesländern dagegen gehören Kartoffeln noch zur regelmäßigen Beilage. Herausgefunden hat das eine Studie der Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) in Bonn, die sich den Verzehrgewohnheiten der Deutschen widmet. Danach liegt der Anteil derer, die täglich unverarbeitete Knollen in Form von Pell-, Salz- oder Folienkartoffeln zu sich nehmen, in den westlichen Bundesländern deutlich niedriger als im Osten der Republik. Doch das ist zunächst nur eine Zustandsbeschreibung, aus der sich keine Tendenz des zukünftigen Verbrauchs ableiten lässt. Denn auch in Westdeutschland gibt es Unterschiede zwischen nördlichen Regionen mit hohem, und südlichen Regionen mit niedrigem Kartoffelverbrauch. Daraus lässt sich natürlich nicht folgern, dass in Süddeutschland künftig keine Kartoffeln mehr gegessen werden.

Die ZMP-Studie liefert eine statische Zustandsbeschreibung über die Häufigkeit des Kartoffelverzehrs zu den Mahlzeiten in den einzelnen Bundesländern. Wichtiger wäre, die Essgewohnheiten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Zeitablauf zu dokumentieren. Denn für künftige Prognosen wird entscheidend sein, wie Jugendliche sich ernähren: Übernehmen sie die Essgewohnheiten der Elterngeneration oder wenden sie sich vermehrt neuen Essgewohnheiten zu?

Es ist zunächst einmal beruhigend zu lesen, dass die Knolle in Deutschland in den fünf neuen Bundesländern mit Abstand am häufigsten auf den Tisch kommt, wogegen Reis, Teigwaren und Mehlprodukte als Beilage nur eine untergeordnete Bedeutung haben. Die ZMP führt diesen Effekt darauf zurück, dass im deutschen Osten „noch stärker an den tradierten Formen festgehalten“ wird: „Kartoffeln und Kartoffelprodukte stellen die mit Abstand wichtigste Sättigungsbeilage dar.“ Das stimmt einerseits positiv, denn Traditionen halten sich lange. So galt die Kartoffel auch noch in der Eltern- und Großelterngeneration als Grundnahrungsmittel, das einen festen und geräumigen Platz im Vorratskeller hatte. Andererseits unterliegen auch Traditionen einem Wandel. So ist die Kartoffel in weiten Teilen Deutschlands mittlerweile eine austauschbare Beilage, die sich im Wettbewerb mit Reis und Nudeln bewähren muss.

Die ZMP-Studie liefert wichtige Anhaltspunkte, in welchen Regionen Nachholbedarf beim Kartoffelverbrauch besteht. Doch ebenso bedeutsam ist es, zu erfahren, welche sozialen Gruppen besonders gerne Kartoffeln essen und welche Gruppen dies nicht tun.

Wichtig in diesem Zusammenhang sind insbesondere Daten zu den Verzehrgewohnheiten der jungen Generation. Nur wenn es gelingt, die Jungen von den qualitativen und geschmacklichen Eigenschaften der Kartoffel zu überzeugen, hat sie eine Zukunft auf dem Teller. Ansonsten könnte die Schlagzeile nach der nächsten Verzehrstudie tatsächlich lauten: Die Kartoffel ist auf dem Rückzug in Deutschland.
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