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Markus Wolf

zur Acrylamid-Berichterstattung

Einseitig

Kürzlich wurde das Thema Acrylamid durch das Fernsehmagazin „Plusminus“ und die Organisation „Foodwatch“ wieder in die Schlagzeilen gebracht. Das Fazit der Berichterstattung: Acrylamid erzeugt Krebs, und in Lebensmitteln komme die Chemikalie noch immer in zu hohen Dosierungen vor. Als Negativ-Beispiel dienten hier wie dort Pommes und Kartoffelchips. Was liegt näher als zu folgern, dass der Verzehr von Pommes oder Chips mit ziemlicher Sicherheit zu einer Krebserkrankung führt? Ist doch ganz klar, oder?

Nein, denn so einfach ist es nicht. Außer Kartoffelprodukten weisen auch andere Lebensmittel wie Kekse, Kaffeepulver oder gebräuntes Toastbrot Acrylamidbelastungen auf. Diese liegen zwar deutlich unterhalb der in Pommes oder Chips gemessenen durchschnittlichen Werte, doch werden diese Produkte häufiger konsumiert als Pommes – und wie Kaffee auch in großen Mengen. Auf diesem Weg gelangen also bedeutende Mengen Acrylamid in den Körper. Außerdem mehren sich die Zeichen, das Acrylamidbelastungen im Körper nicht alleine mit den Ernährungsgewohnheiten zu erklären sind. Die Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover untersuchten Blutproben von ungefähr 300 Nichtrauchern und 100 Rauchern und setzten die gewonnenen Ergebnisse in Bezug zu deren Ernährungsgewohnheiten. Ihr Fazit: Ein Zusammenhang zwischen der Acrylamidbelastung und der verzehrten Nahrung ist nicht festzustellen. Allenfalls Probanden, die mehrmals pro Woche Pommes oder Kartoffelchips verzehrten, zeigten eine tendenziell, jedoch nicht signifikant erhöhte Belastung.

Die höchsten Acrylamidwerte fanden sich im Blut von Rauchern: Diese waren durchschnittlich viermal höher als bei Nichtrauchern. Damit bestätigen die Hannoveraner ältere Studien, die Zigarettenrauch als wichtigste Quelle für eine Acrylamidbelastung aufzeigen. Dieses Ergebnis legt nahe, den Ernährungsgewohnheiten eine wesentlich geringere Bedeutung für die Ansammlung von Acrylamid im Körper beizumessen als dies bisher der Fall ist. Aus dieser Prämisse heraus halten die Wissenschaftler es durchaus für möglich, dass körpereigene chemische Prozesse zu einer erhöhten Grundbelastung des Organismus mit Acrylamid führen.

Sollte sich diese Annahme im Zuge weiterer Forschung bewahrheiten, wären sämtliche Risikoabschätzungen zu Acrylamid obsolet, die sich lediglich auf die Ernährungsgewohnheiten berufen. Ob Plusminus und Foodwatch auch darüber berichten würden, scheint allerdings fraglich, obwohl die Studie aus Hannover und auch andere, die zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen, mit wenig Aufwand öffentlich zugänglich sind – auch den Machern des Plusminus-Beitrags.
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