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Markus Wolf

zum Diätwahn

Einseitig

Das Schicksal meint es nicht gut mit dem Amerikaner Robert C. Atkins. Nach der wirtschaftlichen Insolvenz der Atkins Nutritionals Inc. droht dem Erfinder der berühmt-berüchtigten Atkins-Diät – die eine protein- und fettreiche Ernährung unter weitgehendem Verzicht auf Kohlenhydrate (also auch auf Kartoffeln) propagiert – nun auch die „wissenschaftliche Insolvenz“.

Wissenschaftler der Universität Göttingen fanden jetzt heraus, dass sich eine streng kohlenhydratreduzierte Ernährung, wie sie von den Verfechtern der Atkins-Diät, der Montignac-Methode oder dem Glyx-Prinzip propagiert wird, negativ auf die Gesundheit auswirkt. Auslöser dafür ist Homocystein, ein Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen. In Versuchen stieg die im Blut nachweisbare Konzentration dieses Stoffs bei Probanden bereits wenige Wochen nach Beginn der Atkins-Diät deutlich an. Schuld daran ist der Verzicht auf Obst, Gemüse und Vollkornprodukte: Diese Lebensmittel enthalten das zum Abbau des Homocysteins benötigte Vitamin B6 und Folsäure. Das gestiegene Risiko einer Erkrankung durch die Atkins-Diät geht also auf eine klassische Mangelernährung zurück. Damit bestätigt diese Studie die schädliche Wirkung einer unausgewogenen Ernährung. Grund zur Schadenfreude gegenüber Atkins besteht nicht: Diätgestresste „Moppel“ kennen mindestens genauso viele Ernährungsstrategien, die – anstelle einer einseitigen Zufuhr von Protein – auf Kohlenhydrate (Stichwort Kartoffeldiät) oder Fette als ultimative „Verdünnungskur“ setzen.

Der langfristige Erfolg solcher Diäten ist gering und die Rückfallquote hoch, da die Teilnehmer sich nicht mit Fehlern ihrer bisherigen Ernährung auseinandersetzen und diese umstellen. Sowohl Jugendliche als auch Erwachsene nehmen täglich deutlich mehr Fett und Zucker zu sich, als der Organismus benötigt. Berücksichtigt man, dass vom Körper nicht benötigter Zucker in Fett umgewandelt wird und dass das Arbeitsleben von Erwachsenen nur wenig Bewegung verlangt, ist es nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung langsam verfettet.

Nötig sind keine kurzfristigen und wissenschaftlich fragwürdigen Diäten, die häufig mit einem Jojo-Effekt enden. Vielmehr ist Aufklärungsarbeit notwendig darüber, dass ausreichende Bewegung Bestandteil einer gesunden Ernährung ist. In Frankreich läuft seit Jahren eine Informationskampagne des Nationalen Ernährungs- und Gesundheitsprogramms. In diesem Jahr wird dazu aufgerufen, vermehrt stärkehaltige Produkte wie Kartoffeln oder Getreide in eine ausgewogene Ernährung zu integrieren. Dazu wird in Zeitungsanzeigen, Fernsehspots und Infobroschüren detailliert über den Nährwert der Kartoffel informiert. Wer sich mit solchen Kampagnen näher beschäftigt, wird langfristig mehr für seine Gesundheit und sein Gewicht erreichen als mit allen Diäten dieser Welt.
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