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Hermann Steffen

zum Warenterminmarkt

Börsenwetter

Das Sommerhoch Bruno sorgt nicht nur für kräftig steigende Temperaturen, sondern auch für steile Kursanstiege an der RMX in Hannover. Der Future für Verarbeitungskartoffeln zog am Wochenanfang für April auf 26,70 €/100 kg an – Tendenz fest und im Wochenverlauf könnte die 30-Euro-Grenze fallen. Die Warenterminmärkte stehen ganz im Zeichen eines Wettermarktes, denn die Böden in Europa leiden unter Trockenheit und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Sinkende Tendenzen gibt es nur bei den Ertragsprognosen, weil hohe Temperaturen und fehlende Niederschläge für die mittelfrühen Sorten auf unberegneten Flächen deutliche Depressionen erwarten lassen. Bei verspätetem Regen drohen Zwie- und Kettenwuchs, Glasigkeit und niedrige Stärkegehalte. Im schlimmsten Falle wird sich ein Großteil kaum noch für die Pommes frites- und Chipsindustrie verwenden lassen. Die späten Sorten können zwar noch bis in den Herbst wachsen, doch auch sie hinken beim Knollenansatz weit hinterher.

Kein Wunder, wenn bei einem typischen Börsenwetter auch das Umsatzvolumen bei der RMX in den vergangenen Tagen kräftig gestiegen ist. Doch dies liegt gleichermaßen am eingestellten Verarbeitungskontrakt der Euronext wie am Engagement des niederländischen Marktes an der Börse in Hannover. Schätzungen zufolge sind die Mehrumsätze zu 90 Prozent durch diesen Einfluss bedingt. Aber auch hiesige Börsianer legen mehr Aktivitäten an den Tag, zumal der Einstieg der Niederländer das Geschehen an der RMX gründlich verändert hat. Eine gute Liquidität bietet Händlern und Erzeugern, Verarbeitern und Hedgern ebenso wie Spekulanten ein reichliches Betätigungsfeld, denn der alte Amsterdamer Kontrakt war dafür bekannt, dass die Notierungen auf 30 €/100 kg oder sogar noch weit darüber ansteigen konnten. Wenn es zutrifft, dass der Hannoveraner Kontrakt dem Markt in den Niederlanden hinterher hinkt, dürfte der Future noch reichlich Preisphantasie nach oben bieten.

Der Speisemarkt konnte allerdings nur bedingt davon profitieren. Er lebt im Ein- oder Zwei-Wocheneinkaufsrhythmus der Discounter. Die Märkte sind konservativer, reagieren langsamer und der Preisabstand zum Verarbeitungskontrakt liegt derzeit bei rund 7 €/100 kg. Auch wenn sich der Speisekartoffelfuture ebenfalls befestigen konnte, ein deutlicher Abstand wird wohl auch künftig bleiben. Schließlich ist dieser Kontrakt auf den deutschen Markt zugeschnitten und mit 359 offenen Positionen von einer guten Liquidität weit entfernt. Theoretisch gibt es an der Börse zwar die Spreadmöglichkeit mit Kauf von Speisekartoffeln und Verkauf von Veredelungsware, doch das Risiko ist hoch. Ob die entsprechenden Übergrößen auch wirklich heranwachsen oder ob der Speisemarkt wirklich dem Verarbeitungssektor folgt, lässt sich nicht kalkulieren. Im Speisesektor haben die Landwirte mit den Kartoffeln zudem genügend eigene Spekulationsmasse im Boden und eine Risikoabsicherung über die Börse wird wohl nur für denjenigen in Frage kommen, der das Metier beherrscht.
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