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Horst Hermannsen

zur GV-Kartoffel

Kopf im Sand

An der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) wurde eine gentechnisch veränderte (GV-)Kartoffel entwickelt. Sie könnte die Produktion von Stärke revolutionieren. Diese GV-Kartoffel enthält nämlich zu 100 Prozent die Stärke „Amylopektin“. Herkömmliche Kartoffeln haben einen wesentlich geringeren Anteil von Amylopektin. Diese Stärke ist für die Verarbeitung besonders interessant. Der LfL geht es bei diesem Projekt weniger um Lebensmittel als vielmehr um Erzeugnisse wie Klebstoffe oder Zusätze für die Bauindustrie.

Bisher hat die LfL ihre GV-Kartoffeln auf Versuchsflächen in Freising angebaut. Nun betreibt sie ihre offizielle Zulassung. Deshalb hat sie beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit einen Freisetzungsversuch in der Nähe von Pfaffenhofen an der Ilm beantragt. Dort sollen die GV-Kartoffeln abwechselnd von 2007 bis 2015 auf jährlich maximal 10 Hektar angepflanzt und erforscht werden.

Wie nicht anders zu erwarten, folgt der Protest auf dem Fuß. Die gentechnische Veränderung von Pflanzen sei kein gezielter, beherrschbarer Vorgang, heißt es beim Bund Naturschutz. Und weiter: Der Einbau der Transgene erfolge auch bei GV-Kartoffeln rein zufällig, deshalb blieben die Risiken unkalkulierbar. Die Politik verhält sich auch hier, wie sie sich immer verhält. Sie ist nicht dafür, ohne wirklich dagegen zu sein. Sie schaut erst auf Umfrageergebnisse, um sich dann eine wachsweiche Meinung zu bilden. Bis heute hat sich die Politik nicht wirklich an die Achillesferse der grünen Gentechnik gewagt, nämlich an die Haftungsfragen. Wäre dieser Punkt eindeutig geklärt, dann wäre manche Diskussion einfacher.

Weltweit ist die Gentechnik auf dem Vormarsch. Europa, vor allem aber Deutschland, koppelt sich von einer Entwicklung ab, die – richtig angewendet – nicht nur Hunger und Elend in weiten Teilen der Erde eindämmen könnte, sondern auch noch wirtschaftliche Vorteile bietet. Das Ziel mancher Ideologen, Deutschland zur „gentechnikfreien Zone“ zu machen, ist Unfug. Längst kommt der größte Teil aller hier verzehrten Lebensmittel mit Gentechnik in Berührung. Es fehlt an Aufklärung. Kleinlaut und deshalb leicht überhörbar wird das Feld jenen überlassen, die Negativkampagnen initiieren.

Allerdings sollte niemand so tun, als gebe es bei der Gentechnik grundsätzlich keine Gefahren. So besteht die Möglichkeit der Monopolbildung, der Abhängigkeit, der finanziellen Ausbeutung. Die Übernahme von Züchterhäusern durch globale Multis hat bereits beängstigende Formen angenommen, unter denen der Wettbewerb leidet. Diese Umstände sind aber in jedem Fall gegeben, ganz gleich, ob sich die deutsche Landwirtschaft an der Gentechnik beteiligt oder verweigert. Derartige Entwicklungen können nur durch internationale Rechtsregeln gebannt werden, aber nicht dadurch, dass die hiesige Landwirtschaft den Kopf in den Sand steckt.
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