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Horst Hermannsen

zur Anbauplanung

Nüchtern

Teile des deutschen Lebensmitteleinzelhandels verwenden derzeit viel Mühe darauf, das Image der heimischen Speisekartoffeln nachhaltig zu ruinieren. Was zuweilen die Konsumenten in den grell beleuchteten und überhitzten Regalen der Märkte finden, spottet jeder Beschreibung. Mit Erklärungen ist man rasch bei der Hand: „Wir können nur die Qualitäten anbieten, die uns zur Verfügung stehen“, heißt es unisono. Diese Aussage ist zunächst einmal richtig – und doch falsch. Fleckige, wässrige, ja in Extremfällen sogar angefaulte Knollen gehören auf den Abfallhaufen oder bestenfalls in die Biogasanlage. Qualitätspflege muss von allen Beteiligten auch in Extremsituationen betrieben werden. Schließlich wirkt sie über den Tag hinaus. Zweifellos wären die Verhältnisse in einigen Regionen noch schlimmer, hätten sich nicht durchaus interessante Exportmöglichkeiten für fragwürdige Partien in einigen mittel- und osteuropäischen Ländern eröffnet.

Wem als Verbraucher schlechte Ware zu hohen Preisen angedreht wird, der reagiert über kurz oder lang mit Kaufzurückhaltung und veränderten Verzehrsgewohnheiten. Diese Entwicklung schlägt sich erfahrungsgemäß vor allem beim Konsumabsatz von Frischkartoffeln nachteilig nieder. Die Folgen bekommen zwangsläufig auch jene professionellen Landwirte und Handelspartner schmerzlich zu spüren, die sich vorbildlich um Qualitäts- und damit Kundenpflege bemühen. Gerade im Geschäft mit Speisekartoffeln ist es äußerst schwierig, verlorene Marktanteile wiederzugewinnen.

Problematisch ist der Umstand eines geringeren Kartoffelverzehrs dann, wenn die Marktbeteiligten wegen des relativ hohen Preisniveaus auf allen Stufen die wirtschaftlichen Folgen nicht unmittelbar bemerken. Häufig führen hohe Erlöse im Tagesgeschäft zu einer trügerischen Sicherheit und geben womöglich Signale für falsche Entscheidungen. Eine dieser Entscheidungen könnte in diesem Jahr eine nennenswerte Anbauausweitung der Kartoffelfläche sein. Hohe Preise machen bekanntlich sinnlich. Und in der Landwirtschaft besteht häufig die Neigung, im Folgejahr auf längst überholte Ereignisse des Vorjahres zu reagieren. Beispiele für dieses wenig kaufmännische Verhalten lassen sich im Braugerstensektor ebenso finden wie eben in der Kartoffelwirtschaft.

Tatsache ist allerdings auch, dass die zweifellos vorhandenen aktuellen Engpässe bei Speise- und Verarbeitungskartoffeln keineswegs die Folge einer zu geringen Anbaufläche sind, sondern vielmehr die Ergebnisse extremer Witterungsverhältnisse im vergangenen Jahr. Hätte es diese unvorhersehbaren Ereignisse nicht gegeben, dann wäre der Kartoffelmarkt mit ansprechenden Qualitäten gut ausreichend versorgt gewesen. Die Neigung der Flächenausdehnung ist regional unverkennbar. Als einer der begrenzenden Faktoren gelten allenfalls Engpässe in der Pflanzgutversorgung mit bevorzugten Sorten. Indes lohnt eine nüchterne Analyse über künftige Vermarktungsmöglichkeiten bei „normalen“ Ernte- und Angebotsbedingungen EU-weit.
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