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Hermann Steffen

zur alten Ernte

Weit geräumt

Die Frage, wie viele Kartoffeln und in welchen Qualitäten noch in der Landwirtschaft liegen, stellt sich jedes Jahr. Bei einer um 11 Prozent kleineren deutschen Kartoffelernte scheint sie diesmal drängender als sonst. Hellsehen kann keiner, doch alle sind sich einig, dass der Markt erheblich weiter als in anderen Jahren geräumt ist. Für Niedersachsen gehen vorsichtige Schätzungen davon aus, dass etwa 20 Prozent weniger als im Vorjahr bei den Landwirten liegen. Doch die Qualitäten weisen große Streubreiten auf und fallen teilweise deutlich ab: Lagerdruck und Schwarzfleckigkeit. In einigen Lägern wachsen die Keime so schnell, wie die Außentemperaturen steigen. In Bayern rechnet man bei einem rapiden Qualitätsverlust allenfalls bis Ostern mit marktfähiger Ware. Im Rheinland wird die Speiseware noch vier bis sechs Wochen reichen und es gilt als sicher, dass allenfalls ausgewählte Partien den Maifeiertag erleben dürfen. Für Niedersachsen erwartet man, dass das Gros der alten Ernte bis Ende März geräumt sein dürfte.

Von den Kartoffelprofis mit mechanisierten Kühllägern lassen sich allerdings noch bis in den Mai halbwegs vernünftige Qualitäten erwarten. Wie sich das Abgabeverhalten der Landwirte in den kommenden Wochen verhalten wird, bleibt abzuwarten, zumal die Preisphantasien nach oben begrenzt sein dürften. Sicherlich werden viele vor der Frühjahrsbestellung mit dem Kartoffelsortieren fertig sein wollen, andere sich womöglich nach der Witterung richten. Zügige Frühkartoffel-Auspflanzungen könnten die Abgabebereitschaft verstärken, während ein spätes, nasses Frühjahr eine längere Saison suggerieren und zu Verkaufszurückhaltung aus den gekühlten Lägern führen könnte. Noch sind die Qualitätsprobleme nicht so groß, dass sich Verkaufsdruck in großem Stil erwarten lässt. Doch der Alterungsprozess der Kartoffeln ist auch bei den Profis zwei bis drei Wochen weiter als in anderen Jahren, sodass sich eine zeitige Umstellung des Lebensmittelhandels auf Frühkartoffeln andeutet.

Im Discountbereich sind Frühe aus Nordafrika schon fast flächendeckend im Angebot und der Preisunterschied zwischen alt und neu ist bei weitem nicht so gravierend wie in anderen Jahren. Selbst wenn der Verbraucher beim Discounter für 1,99 € zurzeit noch ein Kilo mehr alte als neue Kartoffeln erhält, dürfte der Griff zu den Frühen leicht fallen. Doch aus Geschmack und Gewohnheit werden viele Konsumenten möglichst lange zu den Alten halten. Ein ausreichendes Angebot und entsprechende Qualität vorausgesetzt, wird sich der Markt zugunsten ausländischer Frühware ähnlich wie in anderen Jahren wohl erst um die Ostertage drehen. Da die Kartoffelpreise noch eine Zeit lang attraktiv bleiben sollten, könnten die hiesigen Profis womöglich noch für die eine oder andere Überraschung mit alterntigen Knollen gut sein: Schließlich werden die besten Qualitäten ja bekanntlich bis zuletzt zurückgehalten.
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