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Horst Hermannsen

zu Strukturen in Bayern

Aufwachen

Die Kartoffelwirtschaft in Süddeutschland muss sich in den kommenden Jahren verändern. Professionalität ist gefragt, wenn man künftig an einem interessanter werdenden Markt beteiligt sein möchte. Heute noch werden in bayerischen Erzeugerbetrieben durchschnittlich gerade mal gut 2 Hektar mit Kartoffeln bestellt. Die Marktpartner beklagen heterogene Partien in Qualität und Menge. Eine undurchschaubare Sortenvielfalt verschärft die damit verbundenen Probleme. Das Qualitätsdenken ist häufig unterentwickelt. Gering ist zudem die Anbauplanung der Landwirte mit ihren Abnehmern. Die Kooperationsbereitschaft mit der nachgelagerten Marktstufe ist ebenso unterentwickelt wie die Bereitschaft zur horizontalen Kooperation und Zusammenarbeit im Rahmen der Erzeugergemeinschaften.

Häufig beklagen die Abnehmer eine geringe Liefertreue bei gleichzeitig hoher Spekulationsbereitschaft. Wen mag es da wundern, dass über unbefriedigende Erlöse geklagt wird. Schuld daran sind natürlich immer die anderen: Die Konsumenten, weil sie immer weniger frische Kartoffeln nachfragen. Die Erfasser, weil ihre Gebote zu niedrig sind. Der Lebensmittelhandel, weil er die Preise drückt und natürlich die überregionale in- und ausländische Konkurrenz, weil sie einfach besser ist.

Dabei bieten andere Regionen überzeugende Lehrbeispiele, wie zum Beispiel Niedersachsen. Gutes „Anschauungsmaterial“ für eine wirklich funktionierende Wertschöpfungskette hat aber auch Frankreich zu bieten. Allerdings mussten die französischen Kartoffelbauern bis weit in die 80er Jahre durch ein Tal der Tränen gehen. Erst als sich die Marktverhältnisse nur noch mit dem Begriff „hoffnungslos“ umschreiben ließen, wachte die französische Kartoffelwirtschaft auf und handelte.

Dieses Erwachen ist auch der süddeutschen Kartoffelwirtschaft zu wünschen. Ihre Aussichten sind vor dem Hintergrund der EU-Osterweiterung günstig. Schon heute werden etliche Mengen aus der hiesigen Ernte nach Osteuropa geliefert. Allerdings handelt es sich dabei häufig um Partien, die im Futtertrog oder in der Biogasanlage besser aufgehoben wären. In den östlichen EU-Ländern wird mit steigendem Wohlstand der Qualitätsanspruch ebenfalls steigen. Wer sich möglichst frühzeitig darauf einstellt, kann lukrative Geschäftsbeziehungen aufbauen.

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