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Belladonna

Von Dietrich Baumann, Erfurt

Ein Dorf setzt auf die Knolle - Heichelheim bei Weimar. Über Helfer kann es sich nicht beklagen. Der Ministerpräsident des Freistaates legt sich genauso für die Knolle ins Zeug, wie die Präsidentin des Thüringer Landtages, der Weimarer Oberbürgermeister oder der Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer. Für sie und weitere 18 Prominente war am 3. April in der 200-Seelen-Gemeinde wieder großes Kartoffellegen auf kleinen Parzellen angesagt. Ihre Sorten konnten sich die Prominenten aussuchen. So wählte Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht die langovale, sehr frühe "Christa", Eisschnelllauf-Weltmeisterin Gunda Niemann-Stirnemann griff kompromisslos zur gelbschaligen, mehlig kochenden "Gunda" und Landwirtschaftsminister Dr. Volker Sklenar übergab die mittelfrühe "Agria" dem meisterlich vorbereiteten Pflanzbett. Ganz wichtige Leute beim Legen waren die Journalisten. Die öffneten ihre Herzen und ihre Blätter schon vor geraumer Zeit ganz weit für die Knolle. Pure Sahnehäubchen sind dabei die Kartoffel-News in den Beilagen oder auf den Ratgeberseiten und eine ganz große Sache war kürzlich die Herausgabe des fundamentalen Werkes "Unser Thüringer Kartoffel- und Kloßbuch". Vorgestellt wurde es - natürlich - in Heichelheim. Das unweit von Weimar gelegene Dorf beherbergt in seinen Mauern auch die Erste Thüringer Kloßmanufaktur und das Thüringer Kloßmuseum. In Heichelheim residiert die bildschöne Kloßmarie, und hier gibt es, aber nur zu ganz besonderen Anlässen, Echtes Kartoffelbier, gebraut nach einem uralten Rezept und nur für Leute, die der Knolle besonders zugetan sind. Im vergangenen Jahr gründete sich am Ort der Förderverein "Heichelheimer Kartoffel" e.V., über dessen Ausstattung, Anliegen und Aktivitäten verschiedene Internetseiten informieren. Alle Heichelheimheiten vereint das gleiche Ziel. Es lautet, so könnte man konkret sagen: Leute, esst mehr Kartoffeln. Kartoffeln sind gesund, Kartoffeln machen schlank, Kartoffeln lassen sich in ungezählten Variationen verarbeiten, und sie sind preiswert. Wenn es dann auch noch Knollen von den kräftigen Böden des Freistaates sind, die der Bürger nach Hause trägt, dann sind die Marktaussichten noch viel freundlicher. Von alleine verkauft sich heute nichts mehr, weiß die kleine Schar der Verantwortlichen in Heichelheim. Man muss nachhelfen. Wenn das so interessant und vielfältig erfolgt, wie von Heichelheim aus, und wenn sich dazu noch ein paar kloßverrückte Presse- und auch Rundfunkleute in die Sielen legen, was sollte dann noch passieren ? Schön wärs, wäre alles so einfach. Aber in Thüringen ist die Anbaufläche immer noch rückläufig und speziell in diesem Jahr lassen sowohl die Preise als auch die Bauern richtig die Flügel hängen. Aber Bangemachen gilt nicht. Mit der neuen Ernte wird sich diese Situation doch wohl hoffentlich bessern ? Den Heichelheimern wäre es zu wünschen, denn rund um die Knolle arbeiten dort in der Aufbereitung, Abpackung und Verarbeitung rund 300 Leute. Alle hoffen, dass der Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zur Prominenten-Knollen-Ernte am 9. September in Heichelheim mit seiner glattschaligen, gelbfleischigen "Belladonna" den größten Kartoffelberg aus dem Damm buddelt. Das habe natürlich mit dem Sprichwort vom dümmsten Bauern und so weiter nichts zu tun. Es wäre einfach die reine Freude.
 
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