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Im Schatten

Von Klaus Knippertz, Frankfurt am Main

Reichskanzler" und "Ostboten" gibt es immer noch, wenn sie auch nur ein Schattendasein führen. Noch verwunderlicher: "Pink fir Apple", "Shetland Black", "Piroschka", "Ora" und "Sharon Blue" sind keine Ausgeburten ausschweifender Solanin-Halluzinationen, sondern ebenfalls alte Kartoffelsorten, mit Namen, die das Ohr ansprechen. Die in Deutschland geernteten und vermarkteten Mengen dieser Exoten sind nicht bekannt, wie Anfragen beim Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) e.V., Bonn, beim Bundessortenamt (BSA), Hannover, und bei der Arbeitsgruppe "Speisekartoffeln" im Arbeitskreis "Qualitätskontrolle" ergeben haben. Der Anbau erfolge hauptsächlich ökologisch, vermutet man.

Alternative Versandhäuser - wie sollte es anders sein - sind bereits in der Marktnische aktiv und bieten die Sorten ausdrücklich für Gourmets feil, und dies zu saftigen Preisen. Der Liebhaber darf beispielsweise 15 DM für sieben Knollen hinlegen. Daraus ergibt sich ein Verbraucherpreis von etwa 3000 DM/dt. Aus rechtlicher Sicht weist die Vermarktung jedoch zwei Schönheitsfehler auf: Zum einen werden Gebinde verkauft, die bunte Sortenmischungen enthalten. Dies ist nach der deutschen Verordnung über gesetzliche Handelsklassen nicht zulässig. Das Risiko, eine Ordnungsstrafe zahlen zu müssen, scheinen die Umsätze jedoch offenbar mehr als aufzuwiegen. Zum anderen sind die Sorten nicht in der Beschreibenden Sortenliste aufgeführt. Damit ist der gewerbliche Vertrieb entsprechenden Pflanzgutes gesetzlich nicht erlaubt, auch nicht zur Vermehrung für den Eigenbedarf im heimischen Garten. Fraglich ist folglich, welchen Nutzen der Käufer aus den erworbenen runden Dingern - rein rechtlich betrachtet - ziehen kann: Im Garten darf er sie nicht auspflanzen und essen darf er sie eigentlich auch nicht. Dennoch besteht anscheinend Bedarf.

Der BDP vertritt eine gelassene bis resignierende Position: Rechtlich gegen die Anbieter vorzugehen, lohne sich nicht. Der Aufwand, die schwarzen Schafe durch Testkäufe aufzuspüren, sei zu hoch und die Strafgelder seien zu gering. Das Marktsegment scheint nicht interessant genug zu sein, um sich aufzuregen. Das BSA erwägt vielmehr, die Rahmenbedingungen für den rechtlich korrekten Pflanzgut-Vertrieb zu schaffen. Hierzu könne eine Liste alter Sorten zur Erhaltung genetischer Ressourcen beitragen. Eine Meldung der jeweiligen Sorte beim BSA könnte genügen, meint Dr. Hans-Walter Rutz vom BSA. Damit diese Regelung ins Saatgutverkehrsgesetz übernommen und rechtswirksam werden kann, seien jedoch zuerst entsprechende EU-Durchführungsregelungen zu erlassen. Diese könnten jedem EU-Mitgliedstaat eine individuelle Ausgestaltung zubilligen, so die Idee.

Allerdings könnte die rechtliche Neuerung zu geringen Umsatzeinbußen der Vermarkter und damit eventuell auch der Erzeuger führen. Ein Nachfragerückgang von Seiten gut informierter Verbraucher wäre möglich: Denn mit einem Bein in der Illegalität zu stehen, ist für eine kleine Konsumentengruppe interessant und "hip". Allerdings könnte die Aufnahme der Liste alter Sorten in das Saatgutverkehrsgesetz einen Beitrag leisten, dem gewollten Schutz des Verbrauchers gerecht zu werden.

Dass sich möglicherweise beängstigende Nachtschatten zu Ackersegen entwickeln, ist wahrlich nicht zu erwarten. Der Anbau ist problematisch wegen Krankheitsanfälligkeit und unsicherer Erträge. Bis eine EU-Regelung erlassen wird, kann es noch dauern. Für einige Spezialisten im Pflanzgutsektor und die Direktvermarkter unter den Kartoffelanbauern bieten sich dann neue Perspektiven.
 
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