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Extrem

Von Mechthilde Becker-Weigel, Bonn

Der Kartoffelmarkt zeigt wie alle Jahre wieder Vermarktungsanachronismen, die von allen Marktbeteiligten gesteuert und letztendlich auch von ihnen bezahlt werden müssen. Die zweite Hälfte des Jahres 1999 zeichnete sich durch eine hohe Preiserwartung der Erzeuger und eine entsprechend geringe Abgabebereitschaft aus. Davon zeugten die lange bis ins Frühjahr diesen Jahres prall gefüllten Läger. Zu der verhaltenen Abgabebereitschaft beigetragen hat sicher in einem gewissen Maße, dass die tatsächlich hohe Erntemenge von den Marktbeteiligten und -beobachtern lange unterschätzt wurde. Die Lagerfähigkeit der alten Ernte allerdings auch. Schwarzfleckigkeit, welke Knollen durch hohe Wasserverluste im Lager, schlechte Backfarben und hoher Keimdruck führten zu einem deutlichen Anstieg der Futterware, vielfach verpassten Exportchancen und zu einem Preisverfall. Die Vermarktung wurde zu lange herausgezögert, der erhoffte Preisanstieg blieb aus. So wurde und wird letztendlich zu Entsorgungskosten ausgelagert.

Für die diesjährige Ernte sieht alles anders aus: Neue Ernte - neue Vermarktungsstrategie. Das Frühjahr 2000 war gekennzeichnet durch ein großes Anbauareal. Zum einen war Pflanzgut günstig, insbesondere durch die Ausnutzung der Nachbaumöglichkeiten. Dadurch konnten die Produktionskosten gering gehalten werden. Im Gegensatz zum Vorjahr ist für die Ernte 2000 kaum Ware vertraglich gebunden, weil Anbauverträge, wenn überhaupt, auf einem schwachen Preisniveau abgeschlossen wurden.

Schon jetzt zeigt sich, dass die Bereitschaft der Landwirte, in der Haupternte Kartoffeln einzulagern, in diesem Jahr äußerst gering sein wird. Die erhöhte Abgabebereitschaft resultiert schließlich in einem frühen und starken Preisverfall für die Speisefrühkartoffelernte. Wurde die erste Pfälzer Ware gesackt zu Preisen von 72 bis 75 DM/dt abgegeben, konnten nur eine halbe Woche später für lose Ware lediglich noch rund 60 DM/dt erzielt werden. Eine weitere Woche brachte bei großem und - wie Makler sich ausdrückten - undiszipliniertem Angebot eine weitere Preissenkung um 10 DM/dt, die die nächsten nach sich zog, so dass Anfang Juli die Frühkartoffelpreise bei etwa 20 DM/dt angelangt sind. Die Akteure in den drei Hauptanbaugebieten für Speisefrühkartoffeln, der Pfalz, Niedersachsen und dem Rheinland, handelten dabei auch in diesem Jahr wieder ohne Not und "alle wie einer". Entweder alle verkaufen oder keiner, mit der Folge, dass die "Regionen sich die Preise mit Beginn der Ernte um die Ohren schlugen", kommentiert ein Händler. Es bestand kein Importdruck durch preisgünstige ausländische Ware. Der Inlandsabsatz konnte durch das Preisdumping dennoch nicht angekurbelt werden.

Versucht man beim erreichten Preisniveau den Trend weiter hochzurechnen, oder richtiger herunter, gibt es gute Aussichten, im Herbst 2000 die Frühjahrspreise zu unterbieten. Der hohe Vermarktungsdruck bei den Erzeugern dürfte viele um die Chance berauben, an einer möglichen Preisnormalisierung teilzuhaben. Die Erzeuger springen wie es aussieht von einem Extrem ins nächste: Das vergangene "Einlagern was die Halle hält" wird abgelöst durch "Verkaufen, was die Ernte hergibt". Solange die Akteure den Markt nicht gleichmäßig beschicken, werden sie von entsprechend großen Preisschwankungen und -unsicherheiten eingeholt werden.
 
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