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Last Minute

Von Dagmar Behme, Frankfurt a. M.

Erstaunlich, welche Fernreisen Kartoffeln Jahr für Jahr unternehmen. Vor allem im Frühjahr und Frühsommer ist die Reiselust ungebrochen. Und jedes Mal steht die Reiseroute nur kurzfristig fest. Auch in diesem Jahr haben die Knollen wieder völlig neue Reiseplanungen erlebt.

Traditionell stammen die ersten Frühkartoffelimporte, die sich auf den Weg nach Deutschland machen, aus dem Mittelmeerraum. In diesem Jahr war aber der Strom sowohl aus Ägypten, Marokko und Israel als auch aus Zypern, Spanien und Italien begrenzt. Bereits Mitte April tröpfelten die Importe aus Nordafrika nur noch. Aus Südeuropa kamen anschließend auch nur kurzfristig größere Mengen. Kein Wunder, denn in Italien und Spanien ist schon seit Jahren die Kartoffelanbaufläche rückläufig. Das waren nahezu ideale Startbedingungen für die deutsche Frühkartoffelsaison, die pünktlich in der letzten Maiwoche begann. Doch dann sorgten erst eine anhaltende Trockenheit und anschließend Dauerregen dafür, dass die Knollen selbst in Deutschland auf ungewöhnliche Transportrouten gingen. Erst lieferten die Pfälzer umfangreich gen Niederrhein, waren aber bald und früher als sonst üblich fast ausverkauft. Anschließend stießen die Niedersachsen wochenlang in die Lücke. Als dann am Niederrhein im Juli endlich umfangreichere Rodungen möglich waren, taten sich hier Absatzmöglichkeiten Richtung Großbritannien und Skandinavien auf. Zu keinem Zeitpunkt sorgten unterdessen französische oder belgische Knollen für Angebotsdruck, konnten dort Kartoffeln doch lukrativ gen Spanien oder Großbritannien auf den Weg geschickt werden. Jetzt steht die Haupternte zur Vermarktung an. Da sie in allen großen Anbauländern Europas reichlich ausfallen dürfte, werden die überregionalen Kartoffelströme erst einmal in den gewohnten Bahnen laufen. Nur Südeuropa dürfte noch die eine oder andere Ladung Kartoffeln zusätzlich anziehen. Doch glücklicherweise kommen von dort jetzt auch die Kartoffel-esser aus ihren Sommerferien in die kühleren Breiten zurück.

Was lässt sich aus dieser Saison bislang lernen? Nichts. Jedes Jahr entscheidet das Wetter in letzter Minute, in welche Richtung die Kartoffeln ihren Weg nehmen. Gleichzeitig zeigt sich an den Handelsströmen auch Beruhigendes: Kartoffeln sind selbstverständlicher Bestandteil des europäischen Speisezettels. Sind sie kurzfristig nicht vor der Haustür verfügbar, werden sie von weither geholt. Wer in diesem Markt starke Nerven zeigt, den Überblick behält und schnell reagiert, kann immer wieder mal ein Schnäppchen machen. Geld im großen Stil lässt sich jedoch mit "Last Minute" nicht verdienen. Das muss weiter Jahr für Jahr im mühseligen Tagesgeschäft erarbeitet werden.
 
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