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Nüchtern

Von Brigitte Stein, Frankfurt a. M.

Nüchtern Zwiespältig wirken die Aussagen und Berichte um die Warenterminbörse in Hannover (WTB) im Laufe der vergangenen Woche nur auf den ersten Blick. So tönte es auf der Kartoffelherbstbörse am Mittwoch in Hannover noch äußerst optimistisch: Die Zahl der offenen Kontrakte nehme sichtlich zu. Eine allmähliche Akzeptanz des Kartoffelkontraktes in der Branche sei zu beobachten (ganz anders als bei den Rapskontrakten), wenn auch der Durchbruch noch nicht richtig vollbracht sei. Gerüchte am Rande der Herbstbörse sahen die WTB bereits kurz vor einer Übernahme durch die niederländische AEX (Dies selbstverständlich mit einer Wahrheitsgarantie, wie sie allen Gerüchten eigen ist). Am Donnerstag berichtete das Handelsblatt wiederum, die WTB suche die Nähe der Frankfurter Terminbörse Eurex. Dabei verweigerte Eurex-Vorstandschef Dr. Jörg Franke sich den Spekulationen über eine Übernahme. Sinnvollen Kooperationen stehe man aufgeschlossen gegenüber.

Diese Aussage trifft auch die WTB. Gespräche auch mit anderen möglichen Kooperationspartnern werden bestätigt. Doch bestehe keinerlei Termindruck oder Zielvorgabe für derlei Gespräche. Es werde lediglich ausgelotet, welche Entwicklungen andere Börsen vollziehen und welche Synergien und Kooperationen unter welchen Bedingungen möglich wären. Doch werde die WTB weiterhin von den Aktionären sowie von den politischen Kräften in Niedersachsen und in Berlin gewollt und unterstützt.

Der zwiespältige Eindruck glättet sich, wenn Emotionen und Befindlichkeiten aus der Debatte genommen werden. Denn in Zeiten, in denen "Globalisierung" zum Alltagswortschatz gehört, kann kein Unternehmen die Entwicklungen andernorts ignorieren. Leise Töne von Bestrebungen einer transatlantischen Warenterminbörse darf die jüngste Terminbörse Europas nicht überhören, will sie sich nicht der Kritik aussetzen zu kleinräumig und zu nationalistisch zu denken. Nur mit Gesprächen, die ohne Zeitdruck geführt werden, lassen sich wirkliche Chancen ausloten. Damit ist doch das Projekt "WTB" oder "Kontrakt über Speisekartoffeln" nicht schon gescheitert oder aufgegeben. Wer die Verhandlungen zwischen der Frankfurter und der Londoner Börse verfolgt hat, kann sich vielleicht erinnern, dass am Ende solcher Gespräche nicht immer ein Zusammenschluss stehen muss.

Vielmehr fügen sich bei einer nüchternen Betrachtung die scheinbaren Widersprüche doch zu einer optimistischen Perspektive zusammen. Denn die WTB steht derzeit tatsächlich nicht unter Zeitdruck. Neue Finanzmittel vom Bund, von den Aktionären und vom Land Niedersachsen über insgesamt 10 Mio. DM bilden einen Puffer. Allerdings sind Umsätze in einer Größenordnung, die eine langfristige selbständige Existenz sichern, nicht in Sicht. Aber offensichtlich verfügt die WTB über einen Vorstand, der frühzeitig Gespräche sucht, die eine Weiterentwicklung der ersten positiven Anfänge ermöglicht. Nur so können Weichen für die Zukunft gestellt werden. Brigitte Stein, Frankfurt a. M.
 
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