1

Verantwortung
Von Hermann Steffen, Bonn

Die vor kurzem bekannt gewordene Übernahme der Kartoffel Braun GmbH, Aachen, durch die Wilhelm Weuthen GmbH & Co. KG, Schwalmtal, zu Beginn des nächsten Jahres, war sicherlich nicht spektakulär, wird aber dennoch einige Marktteilnehmer überrascht haben. Zum einen liegt der Schwerpunkt der RWZ - Tochter Weuthen im Versandhandelsgeschäft und die Aktivitäten im Abpackbereich waren bisher nicht der Rede wert. Zum anderen wird sich mancher nach dem Sinn dieses Engagements gefragt haben, gilt doch der Abpackbereich wegen seiner Überkapazitäten nicht als unproblematisch, und der Verdrängungswettbewerb der vergangenen Jahre spricht Bände. Allein in Nordrhein-Westfalen sind in den vergangenen zehn Jahren zehn Abpacker vom Markt verschwunden, und die Auslastung der Kapazitäten in der Branche ist dennoch höchstens auf 70 Prozent gestiegen.

Beim genauen Hinschauen macht die Transaktion durchaus Sinn. Einerseits war für die Deutsche Agrar-AG Hildesheim der Kartoffelhandel ein branchenfremdes Standbein, das anscheinend nicht so recht zu den anderen Großhandelsaktivitäten passen wollte, obwohl es nach dem Kauf von Braun seinerzeit über Jahrzehnte nicht ohne Erfolg von der damaligen WLV-Hildesheim betrieben wurde. Hinzu kam, dass man sich in Hildesheim schon seit geraumer Zeit von dem Ziel verabschiedet hatte, ein eigenes Absatzgeschäft von Speisekartoffeln aus Niedersachsen aufzubauen. Andererseits gab es bei Weuthen seit längerem durchaus Interesse am Abpackbereich und an der Übernahme eines größeren Unternehmens, wohl wissend, dass eine Neuinvestition bei den bestehenden Überkapazitäten wenig Sinn hätte.

Dass Weuthen trotz höherer Gebote und mehreren Bietern, darunter Interessenten aus dem Ausland und dem Convenience-Bereich, den Zuschlag erhielt, dürfte für die Vorlage eines realistischen Konzeptes und auch für das Augenmaß des Verkäufers sprechen, die Braun GmbH als solche zu erhalten und nicht einzelne Umsatzanteile zu verkaufen. Die Verlautbarung der gemeinsamen Presseerklärung, dass es vorgesehen sei, die Firma am Standort Aachen weiterzuführen, bieten der Geschäftsführung und den Mitarbeitern eine Zukunftsperspektive. Bei der Absatzsicherung an die wichtigsten Abnehmer, Aldi und Tengelmann, wird die Weiterführung des eingeführten Namens zweifelsohne von Nutzen sein. Doch ob der Standort als solcher erhalten bleiben wird, darüber darf spekuliert werden. Durch den Sitz in der beengten Wohnlage des Abpackbetriebes mitten in Aachen gab es schon seit längerem Überlegungen, einen neuen Betrieb auf der 'grünen Wiese' zu errichten.

In einem solchen Fall dürfte wohl gemutmaßt werden, ob man es bei der Planung mit den bisherigen Kapazitäten und einer Abpackmenge von gut 50 000 t belassen wird oder ob Weuthen entgegen eigenen Aussagen doch eine Expansion ins Auge fasst - in welcher Größenordnung auch immer. Vorerst hofft man in Schwalmtal, bestehende Reserven durch den Absatz abgepackter Ware ins Ausland besser auslasten zu können.

Etwas misstrauisch wird die neue Verbindung von anderen großen Abpackern betrachtet, die über Weuthen einen Teil ihrer Rohware beziehen. Sie befürchten offensichtlich, dass sich die Geschäftsbeziehungen problematischer gestalten könnten und dass Weuthen seine Tochter Braun möglicherweise in Qualität und Menge bevorzugen werde. Ein plausibler Grund hierfür lässt sich allerdings kaum ausmachen, denn warum sollte ein Versender die Geschäftsbeziehungen zu seinen Kunden trüben wollen. Dafür, dass ein Nebeneinander von Versand und Abpackbetrieb unter einer Firmenregie möglich ist, gibt es ein bekanntes Beispiel aus der Pfalz. Auch die Sorge, dass Weuthen mit absortierter Industrieware den Speisemarkt überziehen werde, scheint wenig begründet. Hierfür fehlt es noch an einer Sorte, die neben Industrieeignung über eine gleichermaßen hervorragende Speiseeigenschaft verfügt. Letzteres gibt es bei einer Premiere oder anderen Industriesorten nun einmal nicht. Da zudem ein Preiskampf nicht zur Unternehmensphilosophie des Hauses Weuthen gehört, spricht vieles dafür, dass nach dem Zusammenschluss der schon bestehende Wettbewerb unter den 10 bis 12 großen Abpackern nicht zusätzlich angeheizt wird. Dies umso mehr, da die Funktion Versender und Abpacker Marktverantwortung beinhaltet und sich künftig die Schuld über einen möglichen Preisverfall schwerlich allein den Ketten zuweisen lassen wird.


 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Mittwoch lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats