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Von Horst Hermannsen, München

Am Speisekartoffelmarkt funktionieren die Kräfte der Marktwirtschaft wie nur in wenigen Bereichen der Landwirtschaft. Wer das akzeptiert, der fährt gerade deshalb mit dieser Kultur nicht schlecht. Allerdings müssen immer längere Zeiträume zusammengefasst beurteilt werden, um zu einem positiven Gesamtergebnis zu kommen. Die jüngste Kartoffelernte ist mit einem geschätzten Gesamtvolumen von gut 12,5 bis knapp 13 Mio. t in Deutschland fast Rekord verdächtig. Jedenfalls liegt das vorläufige Ergebnis ganz deutlich über dem Vorjahresniveau. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass die Anbaufläche in diesem Jahr sogar um 2,2 Prozent eingeschränkt wurde. Der große Erntesegen ist also ausschließlich das Ergebnis der um nahezu 12 Prozent gestiegenen Naturalerträge. Im Schnitt wurden 420 dt/ha gerodet. Besonders reichlich sind die Rodeergebnisse in Niedersachsen und Bayern, den beiden wichtigsten Produktionsregionen Deutschlands.

Die sehr gute Ernte führte bereits während der Rodungen zu einem reichlichen Angebot. Rasch gerieten die Erzeugerpreise unter Druck. Dazu hat regional auch immer wieder mangelnde Disziplin im Zuge der Marktbeschickung bei allen Beteiligten beigetragen. Auch jetzt nach dem Ende der Rodearbeiten bleibt der Markt reichlich, zeitweise und regional sogar überreichlich versorgt. Dabei ist die Qualität, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen, durchwegs zufrieden stellend.

In der nächsten Zeit wird das Angebot umfangreich bleiben und die Preise dürften sich kaum nachhaltig erholen können - im Gegenteil. Eventuell haben die Notierungen in einigen wichtigen Anbaugebieten noch nicht einmal ihre absolute Talsohle erreicht. Es drängen nämlich vermehrt nicht frostsicher eingelagerte Knollen auf den ohnehin gut versorgten Markt. Eine nachhaltige Entspannung des Marktes ist gegenwärtig noch nicht zu erkennen. Das Exportgeschäft nach Italien läuft im üblichen Rahmen, doch müssen für die dort benötigten Übergrößen auch zuweilen Untergebote akzeptiert werden. Gelegentlich lässt sich auch einmal eine größere Schiffsladung, etwa nach Jugoslawien, absetzen. Damit ist zwar nicht das große Geld zu verdienen, aber der Angebotsdruck lässt regional und kurzfristig etwas nach.

Wohl dem, der einen Liefervertrag mit der Verarbeitungsindustrie hat. Allerdings, und dafür kann angesichts des überreichlichen Angebotes Verständnis aufgebracht werden, versuchen auch die Verarbeiter hier und da etwas an der Qualitätsschraube zu drehen. Wer sucht, wird auch etwas finden. Sei es leichter Schorfbefall oder Hohlherzigkeit. Ein wirklicher Lichtblick ist bei der Preisentwicklung am Speisekartoffelmarkt zur Zeit nicht erkennbar. Der Hinweis "später lassen sich vielleicht besonders gute Qualitäten womöglich besser verkaufen", dient den Erfassern häufiger als Abwehrargument und entspricht weniger der kaufmännischen Überzeugung. Vor diesem Hintergrund ist die Landwirtschaft gut beraten, wenn sie selbst alle Möglichkeiten nutzt, ihre Bestände zu reduzieren. Vor allem zweitklassige Partien haben in diesem Jahr nichts am Speisemarkt zu suchen, sondern gehören in den Futtertrog. Jedenfalls wird die Kartoffelverfütterung in den nächsten Wochen noch erheblich zunehmen müssen.
 
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