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Ave Öko
Von Dietrich Baumann, Erfurt

Wird Öko mit links gemacht, kommt nichts Rechtes dabei raus. Für die Kartoffel gilt das ganz besonders. Schon konventionell ist sie eine sehr empfindliche Dame. Die Bauern in den neuen Bundesländern schlossen die Öko-Knolle nur zögerlich in die Arme. Es wurden bislang auch keine langen Arme. So fristet diese Spezies zwischen Stralsund und Hildburghausen derzeit noch ein bescheidenes Dasein. Aber, wer sich der Öko-Knolle verschrieb, der hält zur Stange. So nimmt die Fläche auch in kleinen Dimensionen zu. Das Plus hängt freilich entscheidend von den Vertriebswegen ab. Denn was bei der "normalen" Knolle gang und gäbe ist, nämlich der seit Jahrzehnten begangene Weg zum Abpacker, Verarbeiter oder der Verkauf ab Hof, das steckt bei der Öko-Knolle ostzulande noch in den Kinderschuhen. Ohne Vertrag geht praktisch überhaupt nichts. Da der Verbraucher in Thüringen, wie in Brandenburg, beim Kartoffelkauf in der Regel aufs Aussehen der Ware und ihren Preis schaut, hat die Öko-Knolle von vornherein schlechte Karten. Das betrifft speziell den Preis. Denn der hebt sich deutlich von dem der konventionellen Schwester ab. Macht er sich etwa eine goldene Nase, der Öko-Bauer? Nein. Beileibe nicht! Im Gegenteil.

Schon beim Pflanzgutkauf fiele das Gold von der Nase. Pro Zentner sind 50,- bis 80,- DM auf den Tisch zu legen. Damit dem kostbaren Gut Kinderkrankheiten möglichst fern bleiben, wird es aufwendig vorgekeimt oder zumindest in Keimstimmung gebracht. Dann brechen die Pflanzen nämlich schnell und stark aus der Erde. Stark müssen sie auch sein. Wie sollten sie sonst den landläufigen Wehwehchen Paroli bieten, wo sie doch chemieabstinent leben müssen! Bleibt es im Sommer tagelang feuchtwarm und kullern die Faxe vom Warndienst meterlang in die Stube, dann wird's dem Öko-Bauern so mulmig, dass es ihm den Schlaf raubt. Soll er Kraut schlagen, um die Phytophthora im Zaum zu halten, oder soll er nicht. Schlägt er zu früh, fehlt's am Ertrag, schlägt er zu spät, stinken die Knollen später zum Himmel. Eine falsche Entscheidung und Ade Portemonnaie! Dem Samenunkraut rückt er per Hackmaschine zu Leibe, die Distel verflucht er, deren Wurzel hat schier das ewige Leben. Da muss die Handhacke ran und die kostet viel Geld.

Sind sie dann reif, die Öko-Knollen, und haben alle Widrigkeiten ihres halbjährigen Feldlebens überstanden, dann werden sie ganz, ganz sorgsam gerodet. Kein blaues oder schwarzes Flecklein soll ihre Perspektive schmälern. Denn die heißt zunehmend: Extraklasse und nicht profan Handelsklasse I. Und dann möchte dieses wahrlich rohe Ei beim Bauern am liebsten in ein luftiges Lager, bevor es auf die Reise geht. Ach, das Lager - das kostet auch wieder ein Geld! Die Reise der ostdeutschen Öko-Knollen geht in fast geschlossener Formation gen Westen. Das sind die alten Bundesländer, das sind aber auch Frankreich, Belgien, Holland, England oder Dänemark. So bleibt gutes Geld an den Rädern hängen. Aber der Bedarf ist da und der Ost-Ökobauer ist mit ganzem Herzen dabei. Sonst ginge es auch nicht. Und irgendwann wird der Kunde ostzulande in seiner Kaufhalle fragen: "Hamm'se Öko-Knollen von hier?" Dann bekommt die Nase des Bauern vielleicht einen ganz leicht goldigen Schimmer.


 
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