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Mehr Risiko
Von Hermann Steffen, Bonn

Der Zeitpunkt, zu dem den rheinischen Kartoffelanbauern in diesem Jahr Kontrakte angeboten werden, ist im Vergleich zu anderen Jahren ziemlich spät. Der Handel hat erst Ende voriger Woche begonnen, erste verhaltene Festpreisofferten vorzugeben und auch die Verarbeitungsindustrie tut sich mit der Preisfindung für die Kontrakte schwer. Zum einen schmerzt es die Industrie, dass sie in den vergangenen Jahren in der Regel mit den Kartoffelpreisen über dem Tagespreisniveau lag, vor allem bei den Anschluss- und späten Verarbeitungssorten. Zum anderen klagt sie zurzeit über einen starken Absatzrückgang von Pommes frites. Die BSE-Krise macht sich sogar im Kartoffelgeschäft bemerkbar, denn bei einem gesunkenen Appetit auf Rindersteaks ist auch die passende Beilage weniger gefragt und sogar der schnelle Gang zur Pommes-Bude wird aus Angst vor der Wurst kräftig eingeschränkt. Durch die erheblichen Umsatzeinbrüche in Deutschland, Frankreich und den Benelux-Ländern stapeln sich mittlerweile die vorgefertigten Pommes in den Tiefkühlhallen der Verarbeiter. Hinzu kommt, dass das Angebot an alterntigen Kartoffeln durch die große Ernte überreichlich ist und eine problemlose und billige Versorgung bis Ende Juni und möglicherweise sogar noch darüber hinaus in Aussicht steht.

Erste Vorgaben der Industrie deuten darauf hin, dass sie in diesem Jahr den Umfang der Festpreisverträge um die Hälfte reduzieren und nur noch 30 bis 40 Prozent ihrer benötigten Mengen preislich fixieren will. Aus Sicht der Industrie verständlich, doch zu wenig für die Kartoffelanbauer, die im vergangenen Jahr bestrebt waren, einen möglichst großen Anteil ihrer Erzeugung vertraglich abzusichern. Wenn sich die Landwirte trotzdem nicht mit Hurra auf die angebotenen Kontrakte stürzen, liegt dies sicherlich an den niedrigen Preisvorgaben, denn nach der deutlichen Senkung im Vorjahr wurden die Kontraktpreise noch einmal um durchschnittlich 0,50 bis 1,- DM per 100 kg zurück genommen. Dass dabei die niedrigen Pflanzgutpreise etwa eine halbe Mark von der Preissenkung wettmachen, mag für manchen nur ein schwacher Trost sein. Der Druck auf die Erzeugungskosten wird sich zweifelsohne verstärken und die Erzeugergemeinschaften sowie der holländische Berufsstand empfehlen den Mitgliedern die Konditionen sorgfältig zu prüfen und nur solche Verträge zu unterzeichnen, die eine Kosten deckende Produktion ermöglichen. Doch wo die Rentabilitätsgrenze eines Betriebes genau liegt, muss jeder Landwirt für sich entscheiden. In der Vergangenheit jedenfalls überstanden gut geführte Betriebe mit hohen Erträgen oder einem Grundpolster an Kontrakten auch Durststrecken mit niedrigen Kartoffelpreisen. Dass sie dabei meistens mit den Kontrakten auf der sicheren Seite lagen, legt die Vermutung nahe, dass sich trotz der niedrigen Preise das von der Industrie vorgegebene Volumen am Markt unterbringen lassen wird, zumal der Handel preislich fixierte Mengenvorgaben auf eigenes Risiko - wenn überhaupt - nur in einem überschaubaren Umfang anbieten kann.

Die Vermarktungsrisiken werden bei allen Unwägbarkeiten in dieser Saison steigen, zumal die alte Devise "rein in die Kartoffeln - raus aus den Kartoffeln" für das Rheinland bei der zunehmenden Technisierung und der festen Größe der Kartoffel in der Fruchtfolge nur noch begrenzt gilt. Dass dennoch Reaktionen auf die letztjährigen Marktverläufe möglich sind, zeigt die Anbauplanung für dieses Frühjahr. Danach wird der Frühkartoffelanbau im Rheinland etwas eingeschränkt werden und die Anschlusssorten im Speisebereich reduziert werden, zu Gunsten der Sorten mit Doppelnutzungseignung als Speise- und Industrieware im Frühbereich. Nicht begeistert werden die Kartoffelanbauern im Rheinland dabei von der Absicht ihrer Berufskollegen in anderen Regionen sein, die mit den Anschlusssorten im vorigen Jahr die gleiche schlechte Erfahrung wie sie gemacht haben und den Frühkartoffelanbau ausdehnen wollen - und das allen Empfehlungen zum Trotz. So scheint ein Druck auf den Frühkartoffelmarkt schon fast vorgezeichnet, jedenfalls im Speisebereich, für den vertragliche Bindungen nach wie vor in weiter Ferne liegen.
 
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