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Mai-Loch
Von Hermann Steffen, Bonn

Bei der Beurteilung des Frühkartoffelmarktes in den kommenden Wochen bis zum Einsetzen der deutschen Ernte sind sich alle Experten einig, dass die verfügbaren Mengen zügig abfließen werden und dass sich das hohe Preisniveau für Ware aus dem Mittelmeerraum etwa halten wird. Das Angebot an alterntigen heimischen Knollen in guter Qualität ist in den vergangenen Tagen spürbar kleiner geworden und von einem Angebotsdruck ist nichts mehr zu merken. Durch Silberschorf, Druckstellen und Lagerschäden lassen sich viele Partien als Speiseware nicht mehr vermarkten und bis zum Anschluss an die ersten hiesigen Frühkartoffeln könnte das Angebot regelrecht knapp werden.

Auch die Mengen, die aus dem Mittelmeerraum an Frühkartoffeln zur Verfügung stehen werden, lassen sich überschauen. Israel ist für den deutschen Markt in diesem Jahr kein nennenswerter Lieferant, da sich in Frankreich höhere Preise als hierzulande erzielen lassen. Die Verladungen aus Marokko gehen dem Ende zu und dürften in etwa zwei Wochen abgeschlossen sein. Voraussichtlich in der dritten April-Woche dürfte auch das ägyptische zollfreie Importkontingent ausgeschöpft sein. In den italienischen Frühkartoffelregionen wurde der Anbau im Schnitt um etwa 10 Prozent eingeschränkt, bei deutlichen Rückgängen um etwa 20 Prozent in Sizilien und 30 bis 40 Prozent im Raum Neapel. Lediglich in Apulien wurden Flächen in den Erzeugergebieten in etwa dem gleichen Umfang mit Kartoffeln bestellt. Sizilien dürfte nach bisheriger Einschätzung Anfang Mai weitgehend geräumt sein und auch aus Apulien zeichnet sich eine frühe Räumung ab, denn bei einem zehntägigen Erntevorsprung gegenüber anderen Jahren dürften ab der kommenden Woche verstärkt LKW aus Galatina rollen. Bleibt die Frage, wann kommt Ware aus Spanien?

In Spanien haben die früh gepflanzten Flächen unter der nassen Witterung gelitten. Die Hauptpflanzungen sind spät in die Erde gekommen und bringen möglicherweise nicht mehr die normalen Erträge. Hinzu kommt eine Flächenreduzierung um 20 bis 30 Prozent für den deutschen Vertragsanbau, in einigen Gebieten wurden die Flächen noch stärker eingeschränkt. Obwohl nach Ostern mit erster Ware am deutschen Markt gerechnet wird, lassen sich damit für Ende Mai keine größeren Mengen erwarten. Das Hauptaufkommen dürfte zehn Tage verspätet in der ersten Juni-Hälfte liegen und die Vermarktung sich damit bis Ende Juni hinziehen. Die Angebotslücke im Mai ist unverkennbar. Die Branche ist sich darüber einig, dass sich das sogenannte Mai-Loch auch kaum durch die sukzessiven Lieferungen aus Zypern schließen lässt und sich verfügbare Mengen nur mit entsprechenden Preisen beschaffen lassen werden. Entlastung aus deutschen Landen ist nicht in Sicht, denn obwohl in Niedersachsen die Folienkartoffeln rechtzeitig in den Boden kamen, hinkt die Pfalz zehn Tage hinterher, auch wenn man dort in den vergangenen Tagen die Pflanzungen mit vorgekeimten Knollen vorantreiben konnte. Selbst wenn eine gute Witterung einiges an Verzögerung aufholen kann, sind sich beide Regionen darüber einig, dass vor Anfang Juni mit ihnen nicht zu rechnen ist, und auch dann nur mit begrenzten Mengen. Ab Mitte Juni könnte es allerdings turbulent werden, wenn unterschiedliche Herkünfte möglicherweise gemeinsam auf den Markt drängen. Den inländischen Erzeugern kann man jedenfalls wünschen, dass Spanien das Gros bis dahin bereits vermarktet hat, denn dann könnten sich die um zehn Tage verspäteten Pflanzzeiten in der Pfalz und die witterungsbedingten Verzögerungen in Niedersachsen durchaus als Segen erweisen.


 
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