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Sex-Knolle?
Von Dietrich Baumann, Erfurt

Ach, man soll sie nicht so tierisch ernst nehmen, die Probleme um die Knolle. Ja, die Preise sind mau und der Absatz schlägt keine Purzelbäume nach oben. Das ist doch alles nur sporadisch. Jetzt wünschen sich die Leute erstmal frohe Ostern! Natürlich mit Kartoffeln. Auf dem Teller. Als Kloß, Pellkartoffel, Salat, usw. Wer sie allerdings ganz toll und von Herzen liebt, die Knolle, und gar in ihre erotischen Abgründe eintauchen möchte, der sollte sich schnurstracks ins Museum begeben. Ins Kloßmuseum Heichelheim. Mitten im Thüringischen. Sei er nicht aufregend erotisch, der Kloß, fragt man dort: diese runde, weiche, griffige Kuller, mal warm, mal heiß. Und wirke ein Mann, der die Kloßkartoffeln kraftvoll auspresst, nicht ungeheuer sexy? Das genüssliche Verspeisen des Kloßes, sei es nicht der schönste Auftakt zum genüsslichen Vorspiel? Mit ihrem hohen Vitamin C-Gehalt stärkt die "Zitrone des Nordens" (haha) das Immunsystem, regt die Bildung von Hormonen an und das bleibt nicht ohne Folgen für Kraft und Ausdauer bei der schönsten Sache der Welt.

Was diese Museumsleute nicht alles erprobt haben! Sie richteten ihre neugierigen Blicke natürlich auch in die unweit gelegene ehemalige herzogliche Residenzstadt Weimar. Und was fanden sie da direkt neben dem geheimen Rat und seiner Christiane? Kartoffeln! Mit selbst im Gärtchen herangezogenen Knollen soll die Vulpius den geliebten Dichterfürst immer wieder erfolgreich an den Tisch gelockt haben. Ob der Dichterfürst nach dem Genuss der vitaminreichen Pellkartoffeln auch gleich seine Christiane auspellte, darüber schweigt des Museums Höflichkeit.

Übrigens zählten Kartoffeln und Gnocchi (das ist die italienische Verwandte des Kloßes) zu den Leibgerichten des Frauenhelden Casanova. Ob er die Erdäpfel davor oder danach zu sich nahm, oder davor und danach - auch dazu gibt es in Heichelheim leider keine schlüssige Antwort.

Einer ganz speziellen Art von Liebe zur Kartoffel huldigen Ende April im Weichbild des Museums mehr als zwei Dutzend Thüringer Prominente. Es sind Präsidenten, Minister, Direktoren, Geschäftsführer, Oberbürgermeister, Intendanten und Weltmeister - fast das Who is Who des kleinen Freistaates. Sie pflanzen Feinschmeckersorten, wie die Rosa Tannenzapfen, Luxussorten, wie die Vitelotte, und Wildsorten aus dem peruanischen Hochland. Zum abschließenden Kartoffelbrunch würde dann ein im Museum ausliegendes Gedicht von Joachim Ringelnatz passen, dessen letzter Vers lautet: "Wenn das auch egoistisch klingt, so tröste dich damit, du wundervolle Pellka, daß du eine Edelknolle warst und dich ein Kenner verschlingt."


 
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