1

Gläsern

Von Dietrich Baumann, Erfurt

Was hat die Braugerste mit der Kartoffel zu tun? Im Grunde nichts, sieht man mal davon ab, dass zu einem guten Kartoffelkloß auch ein gutes Bier passt. Während der Thüringer Braugerstenrundfahrt ging es aber doch öfter mal um die Kartoffel. Ja, sagte der eine Landwirt beim Vorbeifahren an einem kleinen Knollenacker, vor drei Jahren hatten wir noch 100 ha Kartoffeln, nächstes Jahr hören wir ganz auf. Dann kam ein ehemaliges Kartoffellagerhaus in Sicht - drinnen tummeln sich inzwischen Möbel, Teppiche und Tapeten. Viele haben mit der Knolle aufgehört in den vergangenen Jahren, nicht nur in Thüringen. Wenn die roten Zahlen unterm Strich nicht weichen wollen, dann weicht das Produkt. Das ist die marktwirtschaftliche Realität. Zwei bittere Jahre haben die Bauern hinter sich. Ob das laufende Jahr ihre Mienen erhellen wird - wer weiß.

Bei allem Ärger und allem Schmerz, den die unbefriedigenden Preise mit sich bringen, zeigt sich aber auch eins: Mit Kartoffeln und ihren Verarbeitungsprodukten kann man - attraktiv präsentiert - Geld machen. So greift der Verbraucher doch recht gern zum 2,5 kg-Beutel mit hochpreisiger Premiumware. Freilich sollen die Knollen dann wie gemalt sein, innen und außen eine Augenweide. Ein Ausrutscher ist nicht erlaubt.

Für den Kartoffelabsatz förderlich kann auch die Forderung aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium nach einer gläserner Produktion sein. Die ersten Schritte in diese Richtung sind schon gemacht: Die Firma ABLIG in Heichelheim, ein Thüringer Produzent von tief gefrorenen Kartoffelspezialitäten, garantiert mit einem Siegel auf jeder Packung ihrer "Echten Thüringer Sonntagsklöße" die Rückverfolgbarkeit des Rohstoffs. Exakt angegeben werden der Name des Bauern, das Feldstück und die Sorte. Da heißt es beispielsweise "Landwirt: Otto Schulze, Kleintüffelsdorf; Feldstück: An der Mark; Sorte: Agria". Damit setzten die Heichelheimer bundesweit einen gläsernen Erstling in die Kartoffelproduktewelt. Des Weiteren haben sich sich alle zehn Rohstoff-Lieferanten der ABLIG einer Zertifizierung nach ISO 9002 unterzogen. Auch das ist ein Novum.

Aus welchem Betrieb die Kartoffel kommt, schreiben viele Abpacker inzwischen schon auf den Beutel. Ob die gläserne Lupe noch gezielter auf den Acker gerichtet wird, auf dem die Knolle wuchs, wird sich zeigen. Summa summarum - auch der Kartoffelerzeuger und -verarbeiter muss seine Ware immer in ein neues und helleres Licht setzen. Dem Verbraucher wird jeden Tag von den Massenmedien posaunt, wie wichtig, nützlich und wertvoll ein gläsern produziertes Lebensmittel für seine Gesundheit ist. Auf diese oft schrillen und leider auch häufig abwegigen Töne muss der Landwirt ebenso hören wie der Verarbeiter. Ob der Kunde in der Kaufhalle sein Tun auf Dauer dann honoriert, sei dahingestellt. Denn Glück und Glas - wie leicht bricht das.


 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Mittwoch lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats