1

Flexibilität

Von Dietrich Baumann, Erfurt

Eine unendliche Geschichte ist es nicht. Es könnte aber eine werden. Ihr Titel lautet: "Erdäpfel - Kartoffeln aus Sachsen". Geboren wurde sie nicht zuletzt aus der unendlichen Misere, in die auch der sächsische Kartoffelanbau nach der Wende geriet. Der Anbau fiel ins Bodenlose und die neuen Chefs des Lebensmitteleinzelhandels brachten ihre Knollen vielfach aus den alten Bundesländern mit. Da fragten sich die Sachsen: Wie soll das weiter gehen?

Es ging auf verschiedenen Wegen weiter. Aber einer machte ganz besonders von sich reden, der Weg mit den Erdäpfeln. Pate stand dabei ein Marketing-Experte aus Rheinland-Pfalz, aber es gab natürlich noch mehr Leute, die den Weg der Erdäpfel wohlwollend begleiteten. Die sorgenden Väter waren freilich Sachsen - vom Pflanzguterzeuger über den Speisekartoffelanbauer bis zum Vermarkter. Eine verschworene Gemeinschaft, die sich auch nicht scheute, denjenigen aus ihren Reihen die gelbe oder rote Karte zu zeigen, die sich von der Linie entfernten. Diese Linie hieß und heißt: Unbedingte Disziplin in jedem Verfahrensabschnitt, um dem Verbraucher am Ende Speisekartoffeln mit Spitzenqualität anbieten zu können.

Die hat ihren Preis (für den Verbraucher) und sie bringt auch ihren Preis (für den Bauern). Wertschöpfung hieß das Ziel. 08/15-Knollen machen alle, sagten sich die Väter der Erdäpfel, wir machen etwas besonderes. Dabei hat jeder seine eigenen Hausaufgaben zu machen. Die heißen zum Beispiel 100-prozentiger Pflanzgutwechsel, Einsatz moderner Erntetechnik, äußerst schonende Aufbereitung, Lagerung und Vermarktung. In wachsendem Maße kommen jetzt exklusive Sorten in die attraktiven Erdäpfel-Beutel, zu Lasten der Massensorten. Das will der Kunde - ergeben immer wieder die jährlichen Verkostungen, die genauso zum Marketing gehören wie großflächige Plakate und interessante Kartoffel-Kochrezepte. Natürlich ist das mit dem schnellen Sortenwechsel so eine Sache, wenn der Kunde heute pfeift sind ja die Pflanzknollen für morgen noch längst nicht in der gewünschten Menge da. Da ist Flexibilität angesagt.

Ein Wort hat bei den Erzeugern der Erdäpfel Gesetzeskraft: Produktsicherheit! Entspricht die Qualität der Ware nicht mehr dem hohen Standard, den man sich selbst setzte, dann kommt sie nicht mehr auf den Markt. Auch wenn das weh tut und wenn der Verbraucher dann vergeblich nach Erdäpfeln fragt. Eisern wird auch das Prinzip der Vermarktung gehandhabt. Nur zwei Abpacker steuern dieses Geschäft. Erweiterung fand dagegen der "Verteiler". Liefen die Erdäpfel zum Start über einen Allein-Partner im Lebensmitteleinzelhandel so sind es heute mehrere - zum Nutzen des Absatzes und des Verbrauchers. In den Himmel wachsen werden die Erdäpfelberge nicht. Zum einen fehlt dafür das Ausgangsmaterial und zum anderen - und das ist das Wichtigere - sollen sie ihre Exklusivität bewahren. Klasse statt Masse. Schmunzeln können die Erdäpfel-Leute heute über ihre ursprüngliche Idee, die Regionalmarke mit dem Namen "Ackergold aus Sachsen" zu schmücken. Dann wäre es wohl nur eine endliche Geschichte geworden.


 
Was denken Sie?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung zum Kommentar ins Gästebuch

Diesen Kommentar hätten Sie übrigens schon am Mittwoch lesen können...
Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST - unabhängig - kritisch - aktuell

Nutzen Sie jetzt die Gelegenheit, die Agrarzeitung ERNÄHRUNGSDIENST kennenzulernen:
Vier Wochen kostenloses Probelesen!


Natürlich können Sie uns auch über den üblichen Weg erreichen:

per Fax: 069-7595-1260
per Brief: Deutscher Fachverlag GmbH
60264 Frankfurt am Main
per Email: AgroOnline@dfv.de

stats