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Petrus!
Von Dietrich Baumann, Erfurt

Was längst im Lager liegen sollte, ruht noch in der Erde. Der Verlauf der Kartoffelernte erinnert in diesem Jahr an einen Horrorfilm. Erst holten sich die Knollen blaue Flecken, weil der Acker beim Roden knochentrocken war, jetzt steht vielerorts Wasser in den Furchen. Was sich Petrus in den vergangenen Wochen leistete, spottet jeder Beschreibung. Statt der für September vielerorts gängigen 40 l Niederschlag/mý platschte in vielen Regionen das Drei- und Vierfache davon auf den Acker. Da kamen die Nerven der Bauern ins Flattern. Oft sind es nur Stunden, in denen gerodet werden kann. Da zahlte es sich in diesem Jahr aus, wenn Flächen entsteint waren. Denn solche Flächen lassen ein deutlich höheres Rodetempo zu und es kann auch bei Nacht gerodet werden, weil kein Personal auf die Maschine muss. Aber wer hat schon entsteint...

Die Sorgen um die Qualität der Knollen halten sich noch in Grenzen. Freilich werden die Erntemaschinen vorsichtshalber einen Bogen machen um die Flecken des Ackers, auf denen tagelang das Wasser stand. Sonst könnten die weichen Knollen unter Dach schnell ihre Nachbarschaft anstecken. Im Lager ist jetzt die hohe Kunst der Belüftung gefragt. Feuchte Knollen sind extrem empfindlich und müssen wie rohe Eier behandelt werden, damit die Speisequalität keinen Schaden erleidet. Da kann der kleinste Fehler viel Geld kosten.

Wie wird es nun weitergehen mit der Ernte ? Schlimmstenfalls bleibt Petrus hart und lässt "den Hahn weiter laufen". Aber auch der erste Frost könnte schon ganz schnell an die Tür klopfen. An dieses Szenario möchten die Bauern nicht einmal denken. Es ist aber nicht abwegig. Viele Abpacker und Verarbeiter leben schon jetzt von der Hand in den Mund. Die Ware reicht für den Tag und die Woche, aber wann werden die Läger voll werden ? Optimisten sagen : Es ist eine gute Ernte gewachsen; bessert sich das Wetter und gibt es einen langen Altweibersommer, dann könnten wir sogar in Knollen schwimmen. Aber das scheinen im Moment Wunschträume zu sein. Träume haben natürlich, nach zwei sehr schlechten Jahren, auch die Bauern. Es sind Träume von einem Preis, der die alten Wunden lindert und Hoffnung auf die Zukunft macht. So hoffen sie, dass die momentane Preissituation stabil bleibt und dass sie ihre Knollen noch vor Ende des Altweibersommers aus der Erde holen können. Denn was nützen gute Preise unterm Strich, wenn sich Väterchen Frost vorher eine große Scheibe vom Ertrag abgeschnitten hat.

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